Kritikerleichen
Martin Walser und Bodo Kirchhoff bringen Kritiker ums Eck - schreiben sie aber auch gute Krimis?
Ja, es hat eine Menge Lärm gegeben, Antisemitismus-Vorwürfe, verletzte Eitelkeiten, Herr Reich-Ranicki hat sogar betroffen geschluckt, und die Bücherstapel in den Buchkaufhäusern und kleinen Buchläden sind merkbar geschmolzen: Martin Walsers Tod eines Kritikers hat wieder einmal ein bisschen hektisches Leben in die notleidende Bücherbranche (4 bis 6 Prozent Umsatzrückgang in letzten Jahr!) gebracht. Dafür bringt man auch schon mal seinen Lieblingsfeind um, wenigstens literarisch. Warum auch nicht? Schlüsselromane sind vielleicht keine große Literatur, aber sie stillen unsere Sensations-, Schau- und Freßlust, und sind außerdem bequem zu nehmen. Hier kommts aufs Wiedererkennen an, das Ganze ist natürlich eine gnadenlose Satire auf den Kulturbetrieb (großer Auftrag) und was solls sonst noch für Inhalte geben?
Also, Schlüsselromane sollen nicht dringend große Literatur, aber interessant sollen sie schon sein, vielleicht sogar spannend, lecker zu lesen, wenn sie denn gar als Missetatswerke daherkommen. Aber mission impossible: Walser und Kirchhoff als Krimis lesen. Verboten ist es nicht, auf dem Deckel stehts aber auch nicht, so daß das Ergebnis für den Fall Walser: Kein Krimi! kaum überraschen wird. Nicht einmal der kriminologische Auftrag nach den angeblichen oder tatsächlichen Antisemitismen zu fahnden, erfüllt mit einigermaßen Spannung und wird schließlich belohnt. Aber auch die Neugierde auf die Funktionsweisen des fernen Literaturbetriebs, der sich in kulturgeschwängerte und spätfeudal inszenierte Villen und in Münchener Vororte zurückgezogen zu haben scheint, wird nicht gesättigt. Vorweg und knapp: Das Buch ist nicht gut (haben andere auch schon gesagt), es ist nicht antisemitisch (auch schon gesagt, ich weiß nicht, was Schirrmacher da gelesen hat), es gibt keine Auskünfte über die Funktionsweisen des Literaturbetriebs (der ist viel langweiliger), das angebliche oder tatsächliche literarische Alter Ego Reich-Ranickis André Ehrl-König ist ja ganz nett, aber das Original find ich unterhaltsamer und schließlich: an den Schlüsseln finden wir auch keinen Gefallen. Wenn Herr Walser mal einen Kritiker umbringen will, soll ers tun, auch literarisch, aber er soll sich ein wenig mehr anstrengen. Können tut ers ja: Verteidigung der Kindheit ist eine vergnügliche Lektüre (nicht nur für jemanden der Mittelstandsromane wirklich haßt). Vom grantelnden Krimi-Rezensenten-Standpunkt gesehen (verrauchtes Büro mit schmierigen Fenstern irgendwo in irgendeiner Vorstadt, karg möbliert mit dieser berühmten Metzgerspflanze, die mit Zigarrenasche gegossen wird, schmutzige Gläser, eine umgekippte und eine angebrochene Flasche mit Hartem irgendwo platziert, den Hut in den Nacken geschoben, die Füße auf dem Schreibtisch - Nuss, furniert, aufgequollen -, keine Sekretärin und kein Computer), also aus dieser Perspektive ist das kein guter Krimi, was Herr Walser da geschrieben hat, und er soll bloß seine angeblich schon fertig geschriebene Fortsetzung über die Aufnahme des Romans in der literarischen Öffentlichkeit da lassen, wo sie hingehört, in der Ankündigung.
Denn was passiert? Ein Herr Michael Landolf erfährt auf einer Reise nach Amsterdam davon, daß ein Schriftsteller namens Hans Lach, den er aus München kennt, unter Mordverdacht verhaftet worden ist. Opfer ist der Kritiker André Ehrl-König, der Lach noch kürzlich in seiner Fernsehshow „Sprechstunde“ in der Luft zerrissen habe (da war doch mal was?). Freilich, vom Opfer zeugt nur ein zurückgelassener Pullover (blutgetränkter, gelber Cashmere), sonst nichts. Er ist verschwunden. Jungfräulicher Schnee ist drüber gefallen. Die einzige Hoffnung ist, daß der Verschwundene bei der Schneeschmelze wieder zum Vorschein kommt. Das aber dauert.
Da Lach, Autor von Büchern wie Der Wunsch, Verbrecher zu sein und Mädchen ohne Zehennägel (wegen solcher Titel gehört jeder Autor ins Gefängnis geworfen, auch der, in dessen Fiktion sie existieren dürfen), Ehrl-König auf einer Feier des Verlegers peinlich bedroht habe, wird aus dem spurlosen Verschwinden des Kritikers ein höchstwahrscheinlicher Mord, zu dem der Täter schon mal dingfest gemacht werden kann. Landolf bemüht sich im folgenden, ohne große Unterstützung durch den Freund Lach, den Nachweis zu führen, daß Lach nicht der Mörder sein kann. Ist er dann auch nicht, denn Ehrl-König taucht gegen Ende des Buches unvermittelt wieder auf, und hopplahopp entpuppt sich der Lach-Verteidiger Landolf als verdeckter Ermittler und als Lach selbst. Das Buch endet exakt mit demselben Abschnitt, mit dem es begonnen hat, nur dass jetzt Lach und nicht Landolf der Schreiber ist, aha: Was für eine Überraschung. Suspense, geradezu.
Zwischendrin gehts im mäßig raschen Wechsel hin und her. Lach gesteht, er widerruft, er schweigt, er spricht, Landolf besucht ihn, spricht mit dem Ermittler (Wedekind geheißen), der einige absurde Ermittlungen anstellt, und dem einen oder anderen möglichen Zeugen: Einer heißt wahlweise Silberfuchs oder nach Lach Silbenfuchs (sehr sprechend). Achtung Falle für Serienmörderromanleser: Während sonst die Kursiven den Selbstdialogen der Serienmörder vorbehalten sind, kennzeichnen sie hier, gegen Schluss gehäuft, die Texte Lachs.
Der Text plätschert indirekt redend dahin. Was er vom Literaturbetrieb erzählt, ist nicht der Rede wert. Und am Ende ist keiner tot - doch, der Verleger Pilgrim segnet das Zeitliche -, der Verschwundene kriegt einen Preis „für seinen Einsatz zur Förderung des Ansehens des englischen Kriminalromans“ (sehr witzig), und der Verdächtigte schreibt sein Buch über den angeblichen Fall Ehrl-König/Lach. Wer das für spannend hält, findet auch nach Hedwig Courths-Mahler nachts keine Ruhe. Suhrkamp soll damit seine Euro verdienen, aber weder der E-, noch der U-Autor Walser haben ein feines Buch geschrieben.
Ganz anders dagegen Bodo Kirchhoffs Schundroman. Seit Infanta war eigentlich klar: Kirchhoff ist ein Talent, nicht als großer Erzähler. Dafür hat er die falschen Stoffe, zur falschen Zeit und im falschen Ton. Immer ein wenig zu dick aufgetragen. Also gerade das rechte für einen richtig guten Schundroman. Der Mann hat gut aufgepasst bei Charles Willeford, wie er sagt, und überhaupt im Leben. Der Flowtex-Skandal ist ebenso eingeflossen, wie die Karrierebemühungen gewisser Tagesschausprecherinnen und andere kleine und große Ereignisse außerhalb der Feuilleton-Seiten der Qualitätspresse. Der Plot ist grandios unwahrscheinlich: Ex-Nachrichtensprecherin und Neu-Erfolgsautorin (insgeheim liiert mit dem Newcomer der Büchersaison) will ihren Ehemann umlegen lassen, plant aber den Killer gleich mit zu wuppen. Klappt natürlich nicht, denn wir sind auf der Seite des Killers, der sich auf dem Flug in die deutsche Heimat, wo er wegen eines Überfalls mit Todesfolge länger nicht war, in die Frau seines Lebens verknallt. Beste Kolportage, wies zwischen den beiden funkt. Als der Killer (Willem Hold) mitkriegt, daß er bei dem Mord selber draufgehen soll, dreht er den Spieß um: Das Opfer bleibt leben, Killer Nr. 2 ist statt dessen dran, und die Hatz fängt an, denn seinen Auftraggeber kennt Hold noch nicht. Natürlich kriegt er das raus, nach einigem Hin und Her, bei dems leider auch die Neu-Geliebte und das ziemlich fies erwischt, enden Auftraggeberin und Killer im Bett (und das ist auch ok so, oder auch nicht). Und das Buch ist aus, zumindest, was die eine Geschichte angeht.
Zur Verwicklung gereicht es nun, daß auf Holds anfängliche neue Liebe eine Detektei angesetzt ist, die einen Picasso zurückholen soll, den sie sich liebedienerisch erschlichen haben soll. Und das ist Geschichte Nummer 2, bei der dann auch Kirchhoff seinen Kritiker um die Ecke bringen darf. Um der noch fast unbekannten Schönen auf dem Frankfurter Flughafen zur Flucht vor den Nachstellungen der Detektoren zu verhelfen, streckt Hold einen ihm Unbekannten am Bahnhofkiosk nieder, „einen älteren Herrn mit weichem Mund und Eulenaugen“, der in die Betrachtung seiner selbst vertieft ist, wie Hold mit einem knappen Blick in die Zeitung feststellt. Nun, Hold setzt zu einem Schlag mit dem Ellbogen an, der ältere Herr sinkt sterbend zu Boden, die deutsche Literatur verliert ihren größten Kritiker (verdächtigt werden seine Opfer, aber die Ermittlungen laufen ins Leere), großes Getümmel auf dem Flughafen, Lou Schultz, so die Schöne, entkommt. Diesem Zufallsmord verdankt es der Schundroman, daß er in das Gezeter um Walsers Stück Text gezogen worden ist (Kirchhoff hat das mit einem Spiegel-Essay klug zu schüren gewußt). Freilich, wie überlegen ist der Schundroman dem Walserschen Kritikertod?
Haushoch. Hier findet sich all das, was der ermüdete Büromensch abends auf der Couch lesen will: Sex, Gewalt, Exotik, Schönheit, Brutalität, das Vergnügen am Überleben des sympathischen Bösen, eine unwahrscheinliche Verwicklung, die Mord und Totschlag motiviert, Doppelexistenzen, literarischer Diebstahl, der nicht mit laxen Eigentumsverhältnissen abgetan wird, sondern mit einem besonders brutalen Mord (wofür steht der Besenstiel, mit dem die schöne Geliebte Holds ermordet wird?) und schließlich ein Happy end, bei dem das wirklich Böse (nicht der Mörder, der ist eigentlich einer von den Guten) besiegt wird und im Gardasee versinkt. So ist der Gerechtigkeit zum Sieg verholfen - auch der literarischen. Womit wir zum Fazit schreiten könnten: Ja, Kirchhoff hat einen wahren, großen Schundroman geschrieben, den wir mit Vergnügen lesen und als Krimi akzeptieren können. Er könnte, wenn er wollte, sogar einer der ganz Großen dieses Faches werden, wenn er denn wollte und nicht partout gute Literatur zu schreiben versuchte. Aber das sei ihm verziehen (was man wirklich nur als Leser darf, als Kritiker nicht: Für die gibts keine Verwandten). Für Walser jedoch gilt keine Ausrede: Für gute Krimis muss er noch viel lernen.
Martin Walser: Tod eines Kritikers. Roman.
Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002. 219 Seiten.
EUR 19,90; München: Ullstein 2003, EUR 7,95
Bodo Kirchhoff: Schundroman.
Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt 2002. 316 Seiten.
EUR 19,80; Frankfurt/M.: S. Fischer 2003, EUR 9,90.
Walter Delabar
In: JUNI (2003) H. 37/38, S. 323-325.
Der Autor
Walter Delabar, geb. 1957, ist Privatdozent für Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften der FU Berlin
Mehr Infos finden Sie hier.
Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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