Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Ein mutlos gewordener Romancier hofft, durch obszöne Arrangements seine Fantasie wieder beleben zu können. Aber er rechnet nicht mit der Fantasie der Frau, an die er sich wendet.
Und diese zurückgezogen lebende Dame - sie handelt mit kostbaren Büchern - rechnet nicht mit der Fantasie eines Angestellten, dem sie gekündigt hat. Eines Nachts taucht er auf hat einen Köder für sie.
Doch er wird ebenfalls geködert. In der nächsten Geschichte gerät er durch eine Strohwitwe in ein Chaos, aus dem er sich nicht mehr befreien kann; wie ein Fisch hängt er schließlich am Haken.
Aus der Strohwitwe wird eine richtige Witwe, die Witwe eines Kritikers, und in ihren Sog geraten zwei Literaten. Sie glauben sich der Sprache sicher zu sein, aber bestehen nicht vor den Worten der Frau.
Zu dem Versagen kommt die Geldnot, die einen von beiden in den Büroraum eines Geldverleihers treibt. Dort wird er zum Voyeur. Er beobachtet die Geschäfte mit einem Altpräsidenten, er meint Zeuge eines Skandals zu sein. Aber er täuscht sich: er sieht gutes Theater.
Und mit heilsamer Enttäuschung endet das Buch. Im Hause des Altpräsidenten findet eine Lesung statt. Es liest der Romancier, den man vom Anfang kennt. Während der Lesung wird offenbar, daß er auf den Hund gekommen ist; am Boden angekommen, schöpft er jedoch wieder Kräfte. Er beginnt eine Liebesgeschichte zu erzählen.
Dame und Schwein ist ein erzählerischer Reigen um die Bedingungen der Lust; um Sprache und Wunsch, die immer wieder auseinanderklaffen; um Kämpfe derer, die begehren - die bisweilen grotesken Formen ihrer Körperexistenz.

Taschenbuchausgabe

suhrkamp taschenbuch 1549
Erste Auflage 1988
ISBN 3-518-38049-4



P u b l i k a t i o n e n

Dame und Schwein






Dame und Schwein

Geschichten

1. Auflage 1985
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1985
129 Seiten
ISBN 3-518-03565-7

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Leseprobe


DAME UND SCHWEIN

Als der mutlos gewordene Romancier P., dessen Frühwerk Die Achsel mit dem Literaturpreis der Stadt O. bedacht worden war, eines Abends beim Durchblättern alter Magazine auf das Bild Die Dame mit dem Schwein von Félicien Rops stieß, sah er plötzlich einen Weg, die verlorengegangene Schärfe zurückzugewinnen. Schon in den nächsten Tagen wollte er das Motiv mit einer geeigneten Dame und einem ausgewachsenen Schwein in seiner Neubauwohnung nachstellen, um so Anregung für einen gewagten Roman zu erhalten.
Es war die Nacht zum Frühlingsanfang neunzehnhundertfünfundachtzig, und P. betrachtete die Reproduktion einer Radierung aus dem Jahre achtzehnhundertsechsundachtzig. Auf dem blaßblauen Hintergrund schwebten Putten; darauf könnte man verzichten, sagte er sich. Dame und Schwein, durch eine feine weiße Linie miteinander verbunden, waren in den gleichen milden Fleischtönen gemalt, eine Übereinstimmung, die er als Quelle der Aufgeladenheit des Motives verstand. Sie erschien ihm so notwendig wie die wenigen Kleidungsstücke, welche der Maler ins Bild gesetzt hatte. Die Dame trug schwarze, halblange Strümpfe und ebensolche Handschuhe, die ein Glanz überzog; zudem in Rippenhöhe eine Schärpe und auf dem Kopf einen pelzbeladenen Hut. Und sie hatte eine Binde um die Augen. Trotz dieser Behinderung schien sie dem Tier in keiner Weise ausgeliefert zu sein, und P. erkannte hier eine weitere Ursache für die Wirkung des Bildes: Daß die Dame, obgleich sie wie blind war und das Schwein vor ihr herging, nicht etwa geführt wurde, sondern selbst die Führung innehatte. Sie war das Schwein und war es nicht, darin lag ihr Geheimnis. Und dieses Geheimnis wollte er in seinem Wohnzimmer lüften.
P. dachte nun angestrengt über die praktische Seite des Vorhabens nach. Ein Schwein, glaubte er, ließe sich schon besorgen. Doch woher die Dame nehmen? Eine stellungslose Schauspielerin zu engagieren, kam nicht in Frage. Nur eine Dame, die auch in ihrer Haut steckte, kam in Betracht. Sie müßte die Notwendigkeit eines solchen Auftrittes einsehen; sie müßte mit der gleichen Gelöstheit wie die Dame auf dem Bild durch das Wohnzimmer schreiten. Als existierte das Schwein nicht, in dessen Dunstkreis sie wäre.
Fast alle Frauen, die er näher kannte, gingen ihm durch den Kopf. Manche mochten wohl so aussehen. Aber sie entgleisten zu häufig. Zum Beispiel seine geschiedene Frau, eine Tanzlehrerin. Sie war für jeden, der Verbrüderung suchte, ein Opfer. Oder die Kulturdezernentin der Stadt, mit der er ein Verhältnis hatte. Sie wäre zwar der Typ und sicher guten Willens, ihr fehlte nur jedes Format. Es gab keine Richtung der Kunst, für die sie nicht Verständnis zeigte, und P. verachtete sie wegen dieser Wahllosigkeit, von der auch er profitierte. Als nächstes dachte er an die Harfenistin des philharmonischen Orchesters der Stadt, mit der er unlängst eine Nacht verbracht hatte. Doch wahrscheinlich wäre sie mit solchem Eifer dabei, daß der gewisse Abstand zum Schwein, auf den es ja gerade ankam, völlig verloren ginge. Die Harfenistin war also auch ungeeignet.



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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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