Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Gieri Cavelty: In der Sprachgewalt

In der Sprachgewalt

In «Der Sommer nach dem Jahrhundertsommer» vereint Bodo Kirchhoff Erzählungen aus fünfundzwanzig Jahren. Die Figuren sind unsympathische Einzelgänger. Mit ihren Monologen gelingt es ihnen trotzdem, den Leser zu bezirzen.

Vor drei Jahren hat Bodo Kirchhoff in seinem «Schundroman» gegen die Schnelllebigkeit des Literaturbetriebs angeschrieben. Da feiert das Feuilleton einen Plagiator, derweil die originalen, geplünderten Bücher im Antiquariat verstauben. Dass sein eigenes Schaffen frühzeitig in Vergessenheit gerät, versteht Kirchhoff indessen gerade unter Ausnutzung der Mechanismen des Buchmarktes zu verhindern: Der 1948 geborene, in Frankfurt und am Gardasee lebende Autor publiziert seine alten Geschichten in immer neuen Prosasammlungen. Im Band «Der Sommer nach dem Jahrhundertsommer» vereinigt er jetzt einunddreissig Erzählungen aus fünfundzwanzig Jahren.

Immerhin sind einzelne Texte für die Wiederveröffentlichung sorgfältig – und sehr zu ihrem Vorteil – überarbeitet worden. Beispielsweise schliesst der Bericht über einen glimpflich verlaufenen Verkehrsunfall jetzt mit dem kaltschnäuzig-resigniert klingenden Satz: «Wir hatten die besten Voraussetzungen für ein starkes Ende gehabt; so aber war einfach nur alles aus.» Ausserdem finden sich in dem Buch auch sechs neue Arbeiten, darunter die wunderbar vielschichtige Titelgeschichte.

Erzählgewitter

Die Erzählung «Der Sommer nach dem Jahrhundertsommer» handelt vom Einbrechen der Reflexion in die Behaglichkeit des Gewohnten. Während das Ehepaar darüber rätselt, ob in der Umgebung Räuber ihr Unwesen treiben, sind eine Etage tiefer längst zwei Männer eingedrungen und räumen die Wohnung aus. «Der Sommer nach dem Jahrhundertsommer» ist existenzphilosophische Parabel, Beziehungsdrama und Krimi zugleich. Aus einem lauen Sommerwind entwickelt Kirchhoff ein Erzählgewitter, worin sich die Spannungen eines ganzen Ehelebens an der Eisenstange eines auf frischer Tat ertappten Einbrechers entladen. Mord und Totschlag werden dann übrigens durch einen Telefonanruf verhindert: Der Sohn meldet sich aus den Ferien und plaudert über Lautsprecher so lange und so munter drauf los, bis die irritierten Banditen die Flucht ergreifen.

Bestrickende Gespinste

Wieder einmal hat Bodo Kirchhoff also der Sprache das letzte Wort eingeräumt. Von einer Unmündigkeit des Menschen gegenüber der Sprache jedoch, wie sie in den meisten anderen Texten nachgerade beschworen wird, kann hier ausnahmsweise nicht die Rede sein. Einige von Kirchhoffs Figuren ziehen der Realität das Schwelgen in der Phantasie ganz bewusst vor. «Bücher erlaubten es mir, so zurückgezogen zu leben, wie ich es mochte», lässt sich eine vornehme Dame vernehmen. Die vielen «Kleinbürgerkrüppel» in Kirchhoffs Erzählungen freilich plagen Zwangsvorstellungen. Bei ihren Versuchen, die Wirklichkeit mit den sprachlich bis ins letzte Detail ausgemalten Idealen in Übereinstimmung zu bringen, verkommen sie vollends. Besonders plastisch bringt jene Frau die grassierende Verbalmanie zum Ausdruck, die von sich behauptet: «Statt Knochen und Knorpeln trug ich Wörter und Bilder in mir, alle waren sie entzündet oder sonst wie krank und steckten sich noch gegenseitig an, zu einer grossen, umfassenden Krankheit aus Geschichten.»
Kirchhoffs Protagonisten lungern bevorzugt im Frankfurter Rotlichtviertel herum. Dabei stellen sie andauernd Beobachtungen und allerhand Überlegungen an. Der Restaurantbesucher etwa träumt von seinem «Apfelkuchen- Sahne-Glück». Bleibt ihm dieses versagt, beginnt er zu ahnen, «wie es in einem Mörder aussieht». Im Wechsel zwischen gefühlskalter Schilderung der Umwelt und fiebriger Einbildung von Vollkommenheit entfalten die Monologe dieser Ich-Erzähler eine ebenso verstörende wie betörende Suggestivität. Wenn eine Figur an einer Stelle bemerkt, ihre «Gabe sei es, mit nichts als Worten aus dem Nichts etwas zu schaffen», gilt diese Aussage nicht minder für ihren Schöpfer. So sind Bodo Kirchhoffs Sprachgespinste denn in der Tat bestrickend genug, dass wir sie durchaus mehr als nur einmal, lies: in immer neuen Buchausgaben, auf uns wirken lassen können.


Gieri Cavelty
in: Der kleine Bund, 09.07.2005.


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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