|
Ich traf ihn in Juarez, Chihuahua, unweit der Penny-Brücke, die nach El Paso, Texas, führt; das Bett des Rio Grande trennt hier Arm und Reich. Er saß in einem großen Lokal und applaudierte einer Mariachi-Kapelle, die lärmend aufspielte, obwohl es nur zwei Zuhörer gab, ihn und mich. Ich war von Yucatan gekommen und hatte lange keinen Deutschen mehr gesprochen - was ihn verriet? Seine stimmige Kleidung und die Art, in der er mich maß: zwischen zwei Lidschlägen und von der Seite, als sei ich eine reizvolle Frau.
Trotzdem grüßte ich mit Hi, und er legte den Kopf in den Nacken. Ich stellte mich vor. Also nee, er kenne keine so saudumme Begrüßung wie Hi, erwiderte er, ob ich nicht Platz nehmen wolle. Ich setzte mich mit einem Na-dann-guten-Abend und rieb mir mit den Fingern den Schweiß von der Stirn, er winkte dem Kellner. Beruflich hier? fragte ich, und er drehte eine Hand hin und her. Der Kellner trat an den Tisch, ich wollte bestellen, doch meine Bekanntschaft kam mir zuvor, fragte mich, was ich wünsche, und gab es weiter und sah mir dann in die Augen. Und Sie machen Urlaub? - Was heißt hier Urlaub, sagte ich. Ich sei Schriftsteller. Und er darauf: Mensch.
Er sei Journalist, was Ähnliches also. Er sei mit einer Journalistengruppe durch die Staaten gereist, habe einige Ausbildungseinrichtungen der deutschen Luftwaffe besichtigt, zuletzt in El Paso. Dann habe er sich abgesetzt. Die anderen seien grad auf dem Heimflug. Und, warf ich ein, hat sich die Sache gelohnt? Er kratzte mit der linken Hand sein rechtes Ohr und kniff dabei ein Auge zu. Sehr. Es habe sich wirklich gelohnt; ob ich mal Soldat gewesen sei, nein?
Ich nickte, und er ließ es damit bewenden. Die Kapelle - Geiger, Gitarristen, ein Trompeter, ein Sänger - unterbrach ihr Geschmetter. Der Kellner kam mit der Bestellung. Zwei Dosen Bier, zwei halbe Zitronen, ein Fäßchen Salz. Darf ich? bat mein Gegenüber und riß schon meine Dose auf, träufelte Zitrone rund um die Öffnung und bestreute die kleine Lache mit Salz. Jetzt trinken, sagte er und schob es mir zu. Ich trank und betrachtete ihn. Er kam mir irgendwie bekannt vor. Also Schriftsteller, sagte er, dann haben Sie ja Phantasie, bestellte noch einmal das gleiche und beugte sich über den Tisch. Falls es mich interessiere: Er sei wie die Jungfrau zum Kind an diese Reise geraten, zwei Kollegen seien krank geworden, beide Militärexperten, so habe er dann die Ehre gehabt, ob er mir ein bißchen was erzählen dürfe? Bei meiner Phantasie bekäme ich dann schon ein Bild, oder nein?
Wir fliegen also mit einer Luftwaffenmaschine von Köln über Washington nach Sheppard Air Base, Texas, Ankunft am Nachmittag bei dreiundvierzig Grad im Schatten, Begrüßung durch den deutschen Kommandeur, und alle Augen stieren gleich in den Himmel, auf so kleine weiße Dinger, die da fliegen, manche ganz tief, mit einem Lärm ... daß einem der Mund offensteht. Dann Fahrt zum Hotel, in die Stadt Wichita Falls - was heißt Stadt: Tankstellen und Reklametafeln, Leuchtbilder, gleißende Sprüche - Jet Noise, Sounds of Freedom ... frisch machen und gleich ins Offizierscasino und dort dann ein kleiner Empfang, Bier und reichliches Buffet, und überall schon Flugschüler, die noch im Fliegerdress stecken, frisch aus der Luft, verstehen Sie, unsere Burschen, die das ausgebildet werden, junge Kerle, Milchgesichter, sag' ich Ihnen, die da mit anderen Jungs aus Natostaaten ihren Lehrgang machen, integrierte Geschichte, die es seit zwei Jahren gibt, Euronatosowieso, ENJJPT ...
Ich sah ihm in die Augen, was nicht leicht war, da sie meinen Augen glichen. Noch eine Abkürzung, sagte ich, und ich gehe. Er hob die Hände, seine Lider schufen einen skeptischen Blick; ich zwang mich, nicht genauso zu schauen. Einfach sei das nicht, wandte er ein. Aber gut.
Ich gehe also auf so einen Bengel im Fliederdress zu - das sind recht eng anliegende Monturen, natogrün und feuerfest, mit einem Reißverschluß, der bis zum Schritt reicht, und vielen Täschchen, ganz schick, bis auf die gräßliche Farbe -, gehe also auf ihn zu und mache mich bekannt und frage ihn, wie alt er sei. Er sei einundzwanzig, antwortet er brav, Abiturient wie alle anderen hier; sei dann Soldat geworden und habe sich auf zwölf Jahre verpflichtet. Um fliegen zu können. Sei auch bald darauf nach Fürstenfeldbruck gekommen, wo eine strenge Vorauswahl getroffen worden sei, habe das aber alles bestanden und müsse hiernun fünfundfünfzig Wochen lang ran, täglich, manchmal neun bis zehn Stunden am Tag, natürlich auch am Wochenende, wo er ja lernen müsse, lernen für die tägliche Prüfung - um fliegen zu können. Das heißt kein Urlaub, kein Nachhausefahren und bis zuletzt immer die Möglichkeit, noch abgelöst zu werden, so sage man hier: abgelöst eben - bloß ein paar schlechte Flüge, und innerhalb von zehn Tagen könne alles vorbei sein. Man müsse sich hier völlig selbst überwinden, bitte schön, um fliegen zu können.
Der Kellner brachte die frischen Getränke, ich drückte mir die kalte Büchse an die Wange. Und was war dann? - Er trank mir zu, ich sah auf seine Hände.
Am anderen Tag dann mit dem Bus zur Base und dort sofort ins große Wing-Gebäude, raus aus der Hitze und der Grelle ... Was Wing sei, unterbrach ich. Ein Fremdwort noch, und ich ginge. Er wischt sich Schweiß aus dem Nacken. Wing, Wing ... na, das sei das Hauptgebäude auf der Base - Wing heiße Geschwader, dort sei quasi das Ausbildungsgeschwader der Air Force, an das die anderen Länder angeschlossen seien, die Zentrale sozusagen, mit all den Briefing-Räumen, den Simulatoren, diesen ... Er ergriff meinen Arm. Also, um Briefing, um diesen Ausdruck komme er nun wirklich nicht herum, die Pilotenausbildung bestehe zum Großteil aus Briefings, Kurzvorträgen oder so was - ob er das von nun an sagen solle? Er ließ wieder los und applaudierte der Kapelle, die von neuem zu spielen anhob. Ich bäte darum, rief ich in den ersten Schwall der Trompete; etwas kopfschüttelnd sah er mich an, ich verschränkte die Arme
Gut - wir also rein in einen Hörsaal und uns zwei Kurzvorträge angehört, wenn Sie so wollen. Einmal über das gesamte Trainingsprogramm, dann über den rein deutschen Anteil, sehr beeindruckend alles; Beweise über Beweise, daß diese Ausbildung nur in Amerika stattfinden könne. Zum Beispiel die Übungsgebiete auf die Fläche der Bundesrepublik projiziert - erschütternd: Bayern und Baden-Württemberg reichten nicht aus; und dann die Bundesrepublik auf die Karte von Texas gelegt - ich kann gar nicht hinschauen, schaue an die Decke, von der lauter kleine Flugzeuge hängen, überall in dem Gebäude: lauter Flugzeugmodelle, und vorn wird jetzt über das prächtige texanische Wetter gesprochen und über die prächtigen Leute in Wichita Falls, die ganz verliebt seien in ihre Soldaten, Sie verstehen: Amerika, du hast es besser.
Und wenn die Jungs zurück sind? warf ich ein. Wieder bei uns, bei Nieselregen und Friedensbewegung? - Dann komme die Europäisierung, entgegnete meine Bekanntschaft, also spezielles Training auf leicht abgwandelten Maschinen. Und weiter: Nach den beiden Vorträgen dann noch ein Filmchen, herrliche Bilder - Formationsflug, Sonnenuntergang, glühender Fels, und anschließend Aufteilung in Gruppen, rein in einen anderen Vortragsraum, wo ein Dutzend Schüler mit ihren Fluglehrern sitzen, Amerikaner, Engländer, Dänen, Deutsche, Italiener, wahrscheinlich auch Türken, und alles springt auf, auch die Journalisten, als ein junger US-Offizier mit blitzenden Stiefeln hereinkommt, jemand macht Meldung, alles setzen sich wieder, und der Offizier fängt an zu nuscheln, übers Wetter angeblich, ich verstehe kein Wort, nur unsere Buben, die machen fleißig Notizen. Dann Themawechsel, auf dem großen Schirm jetzt ein technisches Schaubild, und einer unserer Jungs wird aufgerufen, bekommt eine Frage, zögert, druckst und nuschelt dann auch, ein fränkisches Amerikanisch, nennt ein paar Stichworte mit rollendem R, scheint zu bestehen - Erleichterung bei mir und den Kollegen. Dann zu den Simulatoren. Da sitzen sie in ihren Cockpit-Attrappen, neben sich den Lehrer, flüstern immer wieder Rotscher-Rotscher, fummeln und schalten, drehen und knipsen, die Augen starr auf ihren Instrumenten, starten, landen vom Lehrer benotet, eine von x Noten täglich. Wir gucken uns das an, fragen hier, fragen da und dürfen schließlich in die Kantine, und was soll ich Ihnen sagen: Da hocken sie in ihrer Pause vor den Videospielen, hacken auf den Knöpfen rum und sammeln Punkte.
Ganz normal, wollte ich sagen, doch sprach er schon weiter. Also nach der kleinen Stärkung ins Freie, vom Kühlhaus in Treibhaus, Besichtigung der Instandsetzungshalle und auseinandergenommener Maschinen, welche die Firma Northorp in Schuß hält, Begrüßung durch einen netten Herrn in Zivil. Ob wir mit dem Bus zufrieden seien, dem Bus der Firma Northorp, und danach ein flotter Vortrag, aber niemand hört so richtig zu, alle schauen zum Flugfeld oder in die Luft, Rhein-Main ist nichts dagegen, und endlich bringt uns dann der Northorp-Bus zu dem Platz, an dem die jungen Piloten ihre Maschinen besteigen, entweder den kleinen Jet, Schüler und Lehrer nebeneinander, oder, für die Fortgeschrittenen, so ein spitznasiges Hochleistungsding mit zwei Sitzen hintereinander, so ein schnittiger Flieger, den wir anfassen dürfen und nach Herzenslust fotografieren, ja sogar richtig reinkrabbeln darf man ... Na, und davon stehen so hundertfuffzig Stück herum, was heißt herum - in Linie zu einem Glied, wenn Sie wissen, was ich meine.
Ich kann's mir vorstellen, sagte ich und rief nach dem Kellner, meine Bekanntschaft öffnete die Hände. Was los sei, ob ich genug habe, er langweile mich also mit seiner Geschichte ... O nein, beruhigte ich ihn. Das höre sich für mich an, als sei alles erfunden, fast so wie ein Märchen. Aber es stimmt! ging er dazwischen und gab dem Kellner Zeichen: bestand darauf, mich einzuladen. In Amerika habe er grad erfahren, was Großzügigkeit, was Gastfreundschaft heiße, aber eins nach dem anderen. Wir stehen also noch vor den Maschinen, und da kommen auch prompt zwei deutsche Piloten, ihren Helm und Fallschirm in der Hand, die Ärmel etwas umgekrempelt, die Kragen weit auf, so daß man die kräftigen Halsmuskel sieht, verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber alle Piloten ... Ich zeigte ihm mit zwei Fingern und etwas Geblinzel meinen Sinn für Details, stand auf und verließ mit ihm das Lokal.
Tageshitze lag noch in der Luft, man schwamm darin. An der ersten Ecke blieb er stehen. Er stützte sich an eine Laterne, mit etwas eingeknicktem Spielbein, so daß sein Standbeinknie verdeckt war; dabei sah er mich so selbstgewiß an, daß seine Stellung fast gar nichts Komisches hatte, und plötzlich lag mir die Frage im Mund, für welche Zeitung er schreibe. Diese unsere Flugschüler also, kam er mir um Zehntelsekunden zuvor, kommen seelenruhig daher, lächelnd natürlich und unverschämt jung, blond der eine und braungebrannt beide, und ein Geklicke beginnt, als seien zwei Filmstars vom Himmel gefallen. Und die beiden machen ungerührt weiter. Treffen da ihre Startvorbereitungen, scherzen miteinander, checken hier, checken da, scheren sich gar nicht um die Fotografen, und dann steigt jeder in seine Maschine, und ich beneide sie auf einmal. Um unsere Aufmerksamkeit, verstehen Sie. Fünfundzwanzig gestandene Leute gaffen diese Bürschchen an - und weichen zurück, als das Düsengedröhne anfängt. Die Maschinen setzen sich in Bewegung, noch mit offenen Hauben, wegen der Hitze, was ja ausgesprochen keck aussieht, wie die ins Haar geschobene Sonnenbrille, eben ein offenes Visier, schwer zu erklären ...
Ich tat einen Schritt, um die Richtung zu ändern; ich wollte von der Hauptstraße weg, in eine der schmutzigen, kleineren Straßen, wo es in windschiefen, meist ein- oder zweistöckigen Häusern zahllose Bars gab, deren rote oder grüne Hinweislämpchen mir wie Ausrufezeichen erschienen. Und er folgte mir einfach. Na ja, und dann, hob er von neuem an, als es dunkler um uns wurde und der Asphalt aufhörte, bringt uns der Bus von Northorp fast bis zur Piste raus, damit wir mal Landungen sehen, aus nächster Nähe. Wir also Stellung bezogen und erst mal die Hasen geknipst, denn es wimmelt dort von Hasen, Hasen und Klapperschlangen, und manche Kollegen hören's auch schon rasseln, bis dann aus heiterem Himmel so ein schwankender Vogel daherkommt, und der Fluglehrer, der uns begleitet, der sagt schon: Das wird nichts, der kommt zu flach, der kommt zu schnell, der kriegt ihn nicht runter, schauen S' nur, wie die Nase steht - und da donnert das Ding schon vorbei, zwei Meter über Grund, schwankt immer noch etwas, und dann ein Aufgeheule, steigt wieder und geht in die Platzrunde rein, ganz weite Schleife, Zeit genug, um die Filme zu wechseln.
Na, da war ja was los, sagte ich und steuerte auf eine Bar zu, aus der ein anfeuerndes Klatschen drang. Er schien einverstanden; erwartungsvoll zog er die Brauen hoch, einen Augenblick lang gingen wir Schulter an Schulter. Der Türsteher winkte uns näher, mit der anderen Hand drückte er einen steifen Vorhang beiseite.
Wir traten in einen niedrigen Raum, durch den ein Laufsteg führte, der von Tischen gesäumt war. An den Tischen saßen Mexikaner, die meisten allein, manche mit erschwinglichen Mädchen im Arm. Die Männer trugen Cowboyhüte und blickten andächtig drein. Am Rand des Steges hockte eine Frau, die Beine weit geöffnet. Jemand wies uns einen Platz zu. Ich setzte mich und sah abwechselnd auf die Frau und zu ihm. Sie hockte so am Rand, daß der Mexikaner, der auf dem Boden saß, in sie hineingucken konnte. Er spähte förmlich. Bis die Frau seinen Kopf nahm, ihn an sich zog und er sie dort küßte. Die anderen Männer spendeten Beifall, auch meine Bekanntschaft - durch ein leichtes Klopfen auf den Tisch.
Wir also die Filme gewechselt, nahm er seinen Faden wieder auf, und schon kommt das Ding zu zweiten Mal an und genauso unruhig wie zuvor, auch wieder zu flach, rast über den Punkt, an dem es aufsetzen sollte, erneutes Geheule und ab in den Himmel von Texas. Das sei jetzt schon ein Minus, sagt der Offizier an meiner Seite, und ich frage ihn, was so eine Flugstunde koste im Schnitt. So eine Flugstunde hier koste exakt eintausendundfünf US-Dollar, sagt er, und das sein ausgesprochen preiswert. Wahrscheinlich, brummle ich, rechne schon im Kopf die Summe um und frage dann, wie viele Flugbewegungen es täglich hier gebe. Bis zu vierhundert, ruft er mir zu, denn dieses Biest kommt schon wieder, und noch mal zu flach, noch mal zu schwankend; Scheiße, denke ich, stichle ein bißchen: Wird wohl nichts, was? Doch, doch, sagt der Major, das wird ein klares U - Unbefriedigend.
Die Frau kam nun auf unsere Seite. Sie glitt so dicht heran, daß ich das Schleifen ihrer Haut auf dem glatten Holz hören konnte. Ihr Kopfhaar fiel tief in den Rücken. Wenn sie es hin und her warf, sah es so aus, als werde ein Eimer mit schwarzem Wasser schwungvoll entleert. Sie hatte uns schon ins Auge gefaßt. Und mit einem Mal griff sie sich zwischen die Schenkel und streckte uns dann ihre Hand entgegen. Meine Bekanntschaft fuhrt fort; ich wich den Fingern aus, indem ich rauchte.
Dann zurück zum Hotel, frisch gemacht, umgezogen und gegen Abend mit dem Northorp-Bus in einen Park, wo die Junior League der Unternehmerinnen von Wichita Falls, was praktisch in der Wüste liegt, auf Öl allerdings, für uns ein Grillfest gibt. Zwanzig, dreißig junge Frauen in Shorts und T-Shirts, Baseballkappen auf dem Kopf, die uns so hemmungslos begrüßen, als hätten sie seit Monaten auf diesen Tag gewartet, kreischend, juchzend, und uns dann auch gleich mit Baseballkappen ausrüsten und zu einem Spielchen gegen ein Ortsteam überreden. Wir also diese Kappen auf, schon erklärt jemand schreiend die Regeln, dazu der Bürgermeister, das örtliche Fernsehen, ein rasender Reporter vom Wichita Star, ein rasender Reporter vom Wichita Record und natürlich unsere Pilotenanwärter, jetzt alle in Zivil, engen Jeans und Hemden von Lacoste, weißen Söckchen, Tennisschuhen, und sind recht aufgelegt, die Jungs, bis auf einen, der auch dem Baseballmatch lieber nur zusieht. Er sitzt neben der fahrbaren Küche trotz eines Schildes: Danger! Man cooking, und ich setze mich zu ihm, trinke Eis mit Cola und verfolge das verrückte Drucheinander.
Die Kollegen werden aufgeteilt, in jeder Mannschaft spielen Texaner mit, die immer wieder rufen, was zu tun sei, was zu lassen; blaue Kappen gegen rote. Der Herr vom Stormarner Tageblatt hat sich als Werfer gemeldet; Fänger ist ein Vertreter des Fränkischen Tags; als Pitcher versucht sich die Dürener Zeitung, holt schon zum Rundschlag aus; und zum Laufen stehen bereit: Heilbronner Stimme, Diepholzer Kreiszeitung sowie die Mainz-Post und Der Bote; alle anderen stehen ratlos in der Gegend. Na, frage ich den Flugschüler neben mir, erschöpft?
Er wirft mir einen Blick zu, etwas bekümmert, und richtet sich fast gleichzeitig auf, schon wieder ganz selbstüberwunden, und ich erkundige mich, wie er geflogen sei heute - und noch einmal der bekümmerte Ausdruck, doch mit einem Anflug von Lächeln bereits. Er sei nicht so hundertprozentig heruntergekommen, eine Krise heute, eine kleine, im Cockpit seien auch über vierzig Grad gewesen, und er habe schlecht geschlafen in der letzten Nacht, zu viele Gedanken an zu Hause ... Keine Freundin hier? frage ich, und er: Nein, leider nicht, und mit den einheimischen Mädels sei gar nichts zu machen, Wichita Falls, das liege im Baptistengürtel, da müsse schon geheiratet werden. Vielleicht hätte er daheim noch rasch heiraten sollen und seine Frau mitbringen wie die anderen ... Der Ball hat sich gefunden; Stormarner Tageblatt wirft, Dürener Zeitung schlägt daneben, Kreiszeitung und Post laufen wild durcheinander, die jungen Unternehmerinnen schwenken ihre Kappen, ein Bierfaß wird herangerollt. Und was treiben diese Ehefrauen hier den ganzen Tag so?
Dies und das, sagt er und geht zu dem langen Tisch, auf dem die fertigen Hamburgerzutaten liegen, stellt sich so ein Ding zusammen, Lage um Lage, so weit der Mund reicht, und sagt, die machten Keramik oder töpferten, arbeiten dürften sie ja in Amerika nicht; manche backten sogar Brot, weil's kein richtiges Brot gebe hier, und verschenkten es dann, aber die Amerikaner schnitten erst mal die Rinde sorgfältig weg, bevor sie es äßen ... Traurig so was, sage ich leise und mache mir dann auch so ein Hamburgertürmchen und will gerade zubeißen, verstehen Sie, als der rasende Reporter vom Wichita Star kommt und mich doch fragt, was ich von der Stationierung halte, warum die Deutschen die Pershings nicht wollten und wie es mir gefalle in Wichita Falls, ob ich Amerika möge und wie ... Eines nach dem anderen, bremse ich ihn - als Amerika: Ich würde es genießen, hier zu sein, und in Wichita Falls seien alle Leute sehr nett, und was die Pershing Zwei betreffe, nun, das komme drauf an, funktioniere sie denn? - und werfe unserem jungen Flieger einen Seitenblick zu. Wie er die Sache sehe, dieses Pershing-Problem, diese Unruhe in der Bundesrepublik, Menschenketten gegen Stationierung und so?
Meine Bekanntschaft schüttelte sachte den Kopf. Ich leerte mein Glas und sah auf den Laufsteg. Die Frau lag jetzt flach auf den Planken, sie ruhte sich aus. Was hat der Junge denn gesagt? forschte ich und wandte mich wieder zu; ich genoß seine Erzählung inzwischen, für welches Blättchen er schreibt, war mir jetzt völlig egal.
Was er gesagt hat? Wenig. Die Zeitungen, wenn er mal eine bekomme, die seien schon vierzehn Tage alt, und außerdem: Er müsse dauernd lernen - um fliegen zu können. Für fünfundfünfzig Wochen sei er abgemeldet ... Und dann, danach? frage ich ihn, während mir der rasende Reporter vom Wichita Star sein kleines Sony-Tonband wie einen Colt vor die Brust hält. Dann komme gleich die Ausbildung auf der Phantom, dann gehe es erst richtig los. Aha, sage ich und nehme den Reporter beiseite. Also, es sei nicht ganz einfach, ihm die deutschen Verhältnisse in Form eines Briefings auseinanderzusetzen; unser Land sei zwar kleiner als die Hälfte von Texas, aber ... und will ihm noch sagen, vor allem die Frauen bei uns, ein wichtiger Teil jedenfalls, der denke ganz anders als beispielsweise die Frauen von Dallas - da wird es still um mich. Das Baseballspiel ist zu Ende, die Kollegen stehen alle im Rührt-euch, schweißgebadet, keuchend, die Augen geradeaus: Richtung Faß, das Fernsehen hält den Anstich fest, dazu ein Interview, dann strömt das erste Bier. That's Germany! ruft der Reporter vom Star und schießt ein Dutzend Bilder, die jungen Unternehmerinnen applaudieren, ich setze meine Kappe ab; »E. W. Moran Drilling Company« steht auf dem Schirm.
Wir schwiegen eine Zeitlang, ich zahlte für uns beide; die Frau, die auf dem Steg lag, schien zu schlafen. Gehen wir, sagte ich, und wir gingen. Draußen war es ruhiger geworden, nur noch vereinzelt standen Leute herum, warme Windstöße wirbelten feinen Staub in die Luft. Und wohin jetzt? fragte meine Bekanntschaft. Am besten, schlug ich vor, zu den Lichtern dort hinten. Und während wir mit angehobenen Armen und eingezogenem Kopf durch die Staubschwaden liefen, erzählte er weiter.
Am anderen Morgen dann Verabschiedung auf der Base, noch ein paar Fotos und rein in eine dicke Transall - schon gesessen in so einem Ding? Ich kann Ihnen sagen -, nur ein paar kleine Fenster, keine richtigen Sitze, keine ordentliche Heizung, kein vernünftiges Klo, aber ein herrlicher Spaß! Bier in rauhen Mengen, heiße Würstchen, und ein Kollege verteilt Jerry Cotton, also nix Langeweile; gepinkelt wird in einen Trichter, wer scheißen muß, hat Pech gehabt. Mit diesem Propellerding also von Texas nach Kalifornien, nach George Air Base, unweit von Los Angeles, wo die Phantomausbildung ist, und was glauben Sie, welche Route wir nehmen? Über den Grand Canyon, und zwar im Tiefflug, und ich, schlau wie ich bin, hab' mir ein Plätzchen im Cockpit erobert, kriege also alles mit - wie der Pilot den Canyon sucht, dann findet und die Automatik abstellt, selber ganz baff ist von diesem Canyon und immer über dem Fluß bleibt, über der eigentlichen Schlucht, also die tollsten Kurven fliegt, links, rechts, links, rechts ...
Wie schön für Sie, unterbrach ich; und was kam dann, auf dieser anderen Base? Den Grand Canyon kenne ich nämlich ... Eine Büchse schlitterte an uns vorbei, der warme Wind war stärker geworden, wir gingen nun langsam, wie Tapergreise. Das habe er doch angedeutet, oder nicht? Die Ausbildung auf der Eff-vier, die Phantomfliegerei, mit Luftkampf, Bombenwerfen und so weiter. Aber erst mal Begrüßung, Imbiß, Fahrt zum Hotel und am nächsten Vormittag straffes Programm: zwei, drei Kurzvorträge und dann zum großen Simulator.
Wieso groß? fragte ich. Waren die anderen so klein? Er winkte ab. Keine Ahnung hast du, sagten seine Hände. Die anderen, das waren Attrappen: zwar alle mit Knöpfen, aber ohne Wirkung. Der Phantomsimulator dagegen: perfekt! Und natürlich top secret. Schon die Tür zu dem Raum, in dem das Ding steht: Panzerstahl. Und wir vor dem Tresor gewartet. Daß der Sergeant seinen Befehl kriegt. Uns da hineinzulassen. Obwohl der natürlich Bescheid weiß, hilft aber nichts; Gelegenheit für unsere deutschen Begleiter, auf ihre Auftragstaktik hinzuweisen, was die für Vorzüge habe, nicht wahr: Solange die unter sich sind, die Deutschen, in den Räumen, die sie da gemietet haben, immer Auftragstaktik, Gehorsam mit Spielraum, je nach Lage der Dinge. Na, und wenn dann die Amis dabei seien, zischt mir so ein Hauptmann zu, müsse man sich halt arrangieren, zu deutsch Befehlstaktik. Bis zum Haarschnitt, bis zu den Ärmeln, die nicht umgeschlagen werden dürfen, so seien diese Amis eben. Dann endlich der Befehl, man bittet uns, die Fotoapparate abzugeben, und wir nichts wie rein in den Raum, der vollgestopft ist mit elektronischem Zeugs, in der Mitte das Phantomcockpit - also wie ein Altar -, und ich ganz frech vorneweg, gleich in den Pilotensitz gekrabbelt, was ja erlaubt war, ganz klar, und der deutsche Oberfluglehrer, so ein fescher Oberstleutnant, Anfang Vierzig vielleicht oder jünger, mit antrainiertem Bayrisch - verriet mir schon am Vortag: A bisserl München fehle hier -, schwingt sich auf den Lehrersitz neben dem Monstrum und sagt: Jetzt wollen wir mal starten.
Starten, verstehen Sie, und schon entsteht ein Bild vor mir, füllt das ganze Cockpitfenster: das nächtliche Flugfeld, das Panorama der Air Base, im Hintergrund die Berge, die ganzen Konturen, die Zacken, und ein feiner Neumond darüber, Sterne am Himmel, eine herrliche Nacht, und ich in diesem Schalensitz, umgeben von Knöpfen, Hebeln, Schaltern, Instrumenten, Instrumenten, ganz eingehüllt davon, nicht wahr: wie in einer Höhle, einem Ei, und alles so bequem zu erreichen: zwischen den Beinen der Knüppel, durch kleinste Bewegungen die größte Wirkung, bißchen hier, bißchen da, und ich beginne zu rollen, die Piste gleitet weg, ich fahre dieses Ding in die Startposition, tue alles, was der Oberstleutnant sagt, eine Hand am Knüppel, die andere am Drücker, drücke langsam und drücke, ein Auge auf den Zeigern, eins auf der Startbahn, die jetzt schon unter mir wegsaust, Lichter links, Lichter rechts, zack vorbei, zack vorbei, und immer mehr Speed, dreihundert, dreihundertzehn, -zwanzig, -dreißig - und jetzt! ruft er, jetzt, mit acht Grad nach oben, und schon ziehe ich hoch, und der Boden unter mir, weg, ich fliege, nur noch der Mond jetzt, die Sterne, Mensch, sag' ich, Mensch ... So ist das, ruft der Oberstleutnant, dann gehört uns die Erde wirklich, mein Leben, die Fliegerei, der Mann auf sich gestellt, eben auch noch a bisserl Ritterlichkeit, und ich frage ihn: Wie geht's denn jetzt runter? - Schon wieder runter? wundert er sich, jetzt geht's doch erst los, jetzt wird hier per Computer ein kleiner Fight angezettelt, und Sie können dann mal ... Lieber nicht, sage ich, lieber eine ordentliche Landung, und drücke den Knüppel nach vorn und nach links, nicht wahr, um umzukehren und zu sinken, und er ruft: Zu weit, zu weit, Sie stürzen ja ab, und schon verschwindet der Himmel, die Lichter tauchen auf, aber oben, verkehrtrum, die Air Base stseht auf dem Kopf. Mann, wo ist der Schleudersitz? frag' ich, und er lacht und hilft mir hinaus, die Kollegen sind schon ungeduldig. Egoist, schimpft jemand in der Schlange; das Westfalenblatt nimmt meinen Platz ein.
Meine Bekanntschaft atmete aus und blieb stehen. Erst mal da drüben ein Bier, sagte ich, doch es sprudelte schon weiter. Sie, sie machen sich keinen Begriff, flüsterte er. Man muß das erlebt haben, ja, die raffinierte Technik und der primitive Mensch: baut sich ein modernes Schlachtroß, fliegt es nach Maßen wie Inch, Foot und Knoten, die aber nicht mehr analog erscheinen, sondern grausam von den Bildern bereinigt. Die im Delirium der Digitalanzeige den Glanz der Neuzeit erhalten, verzeihen Sie mir den kleinen Ausflug, aber der Mensch braucht die Entsprechung, um zu erleben, was er tut. Das Zifferngepurzel ist doch sein Armaturenbrett vorm Kopf! Wahrscheinlich, sagte ich und bat ihn, fortzufahren. Er holte Luft, wir gingen weiter.
Nach der Simulatorsache dann raus zur Runway, um so ein Phantom, so eine Eff-vier mal starten zu sehen, was heißt sehen: zu hören; rollen auch gleich zwei dieser Brocken heran, stellen sich auf, die Kanzeln gehen zu, und ein kleines Inferno beginnt - unvorstellbar. Feuerspeiend ziehen sie an uns vorbei, mit einem solchen Lärm, daß einem der ganze Körper vibriert. Da begreift man, verstehen Sie, man wird Teil, man ... egal; ziehen also vorbei und kriegen immer mehr Schub, werden schneller und schneller, heben schließlich ab. Ab und weg. Amerikaner gewesen! brüllt mir einer der Begleitoffiziere ins Ohr, denn schon rollen die nächsten heran. Woran er das erkennen könne? Nun, brüllt er, die Maschinen seien etwas anders als unsere - etwas andere Triebwerke, da sieht man praktisch keine Rauchentwicklung, während unsere so einen schwarzen Flor hinter sich herziehen. Und warum ist das so? schrei' ich, während gerade wieder zwei anrollen. Können wir uns nicht leisten, diese anderen Triebwerke, schreit er zurück, einfach zu teuer. Und manches hätten die Amerikaner auch gerne für sich, so sei das nun mal, die hätten da auch so ihre Geheimnisse, die sie für sich behielten - es gebe ja auch diese Briefings, wo die Deutschen vor der Tür bleiben mußten. Aber fliegen können man auch so; das seien jetzt die Unseren gewesen ...
Der Wind hatte sich etwas gelegt, wir klopften uns den Staub von den Kleidern. Weiter, sagte ich, er lächelte mir zu. Und dann heißt es schon wieder: zum Bus. Fahrt zum Casino, kurzes Mittagessen, und ab in die Transall, Start Richtung Sacramento - The Banks of Sacramento, kennen Sie doch, oder? Ich nickte. Also mit Volldampf gen Norden, und ich wieder, kaum sind wir oben, unauffällig nach vorne, mich ins Cockpit gemogelt und schaue und schaue, die Küste taucht auf, de Pazifik, Buchten und Strände und ganz weit hinten schon ein Dunst, die Bay von San Francisco, und der Pilot, der geht auf einmal runter, der geht tiefer und tiefer, und dann fliegt der Kerl doch über die Brücke, Golden Gate, knapp drüber weg, und im Tiefflug an der Stadt vorbei, an diesem weißen Häuserberg, ich denke, ich träume - Mensch, mit der deutschen Air Force über Alcatraz ... Halbe Stunde später Landung in Mather, auch so eine riesige Base, Ausbildungsort für Navigatoren; kurze Begrüßung, gleich ins Hotel, dann Abendessen mit den Offizieren, schön in Old Sacramento, und tags darauf ruckzuck per Charterbus nach San Francisco, freies Wochenende - Chinatown, Nob Hill, Fisherman's Wharf ...
Interessiert mich nicht, unterbrach ich. Ich kenne San Francisco; also, was war da in Mather? Was da in Mather war, wiederholte er leise. Am Montag morgen erst mal Kurzvorträge, aber vorher schaut der amerikanische Commander noch rein, so ein Colonel, der uns unbedingt grüß Gott sagen will, kommt also rein und sagt auf deutsch: Guten Morgen! Irgend jemand hier vom Stern, Spiegel oder Frankfurter Rundschau? No bad guys? Okay - und dampft ab, und die Kollegen sich auf die Schenkel geklopft, Stimmung kann ich Ihnen sagen, herrlich. Wir dann den Vorträgen gelauscht und anschließend Praxis, umgebaute Siebenzwosieben besichtigt, ganz zugepackt mit Elektronik, fliegendes Klassenzimmer, wo unsere Jungs dann unentwegt die Position bestimmen müssen, vor ihren Schirmen sitzen, Kopfhörer auf, gucken und fummeln und nuscheln, nicht war - Rotscher-Rotscher ...
Ich ging etwas langsamer, um eine Leuchtschrift zu lesen, das Licht, das mir von weitem aufgefallen war. Deutscher Club, Mamacita. Und er sprach einfach weiter. Aus der Schulmaschine also wieder raus und gleich in unsere Trall hinein, Start und ab nach El Paso, vier Stunden Flug nach Fort Bliss, wo die Flarak-Ausbildung ist, Nike und Hawk, verstehen Sie, diese Dinger, mit denen man feindliche Flugzeuge abschießt, nachdem sie in den deutschen Luftraum eingedrungen sind, in den BRD-Raum, ja; El Paso also, Katzensprung nach Mexiko, wo dann die Burschen, die dort ihre Lehrgänge machen, abends immer hinfahren, nach Juarez hinein - seit fuffzehn Jahren zu Mamacita.
Also in diesen Schuppen hier, sagte ich und deutete auf die flackernde Leuchtschrift, er sah mich staunend an, woher ich das wisse ... Gar nichts wisse ich, erwidert ich, wir seien nur zufällig an den Ort seiner Erzählung gekommen, und betrat das Lokal. Es war nicht gerade groß und ziemlich finster, Tische und Stühle schienen mir zusammengewürfelt, und an den Wänden, wohin man nur sah, Fotos und Erinnerungszeichen, auch deutsche Nummernschilder, deutsche Wimpel. Ein paar june Männer saßen an der Bar, zwei flankierten die Musikbox - es war still, als warteten alle auf etwas; und in die Stille klang dann eine Folge gleicher Töne, damdamdamdamdamdamdam ... Marmor, Stein und Eisen bricht - die kleine Spannung löste sich, Mama, ein Spezial! rief jemand an der Bar, dann wurde laut gesungen, ich trat an das Ende der Theke. Hinter dem Tresen thronte ein altes, massiges Weib mit Bernhardineraugen und grauschwarzem Haar, das ihr in Strähnen über Schultern, Brust und Rücken fiel; sie saß unterhalb eines Bildchens von Franz Josef Strauß, einer schönen Farbaufnahme mit Widmung. Und dann entdeckte sie uns: mit einem Blick die Greenhorns. Sie griff unter die Theke, holte einen Pappdeckel hervor und hielt ihn mir entgegen. Auf dem Deckel standen in deutlicher Handschrift und gutem Deutsch einige Faustregeln, um in Juarez nicht ausgeraubt zu werden, im Gefängnis zu landen oder die Syphilis davonzutragen - größte Verbrecher in Juarez ist policía! fügte sie noch hinzu.
Stimmt, rief einer der jungen Soldaten, der in der Nähe saß. Wir gesellten uns zu ihm, meine Bekanntschaft nahm den Faden wieder auf. Nun sehen sie mal ein paar deutsche Soldaten, flüsterte er mir ins Ohr; natürlich nicht der Schlag wie die Piloten - einfache Soldaten, die meisten Freiwillige, auf vier Jahre verpflichtet, und die dürfen immerhin ein paar Monate hier sein ... Ob er nicht bei dieser Journalistengruppe gewesen sei? fragte der junge Mann neben uns. Richtig, ja, das sei er, sagte mein Begleiter, und ich hing mich einfach dran. Ich sei auch so ein Schreiber und interessiere mich seit neuestem für das Militär; warum sei er denn eigentlich hier in der Wüste - gehe doch auch zu Hause, so ein Training?
Im Prinzip ja, aber praktisch gesehen ... Hier sei das Wetter eben besser, die Geräte können draußen stehen und außerdem: So komme man auch mal nach USA, dafür nehme man ja manches in Kauf. Zum Beispiel? fragte ich. Nun, hier sei die Nike- und Hawk-Ausbildung, ging ein anderer dazwischen - Nike für die großen Höhen, Hawk für die kleinen, aber geschossen werde auf Kreta, hier werde nur das Drumherum geübt, und damit habe man ganz schön zu tun.
Also, er sei ein Nikie, die da hinten seien Hawkies, und diese Nike sei ja fast doppelt so alt wie er, natürlich völlig unbeweglich, die Russen wüßten jede Stellung.
Und gibt's nichts Besseres dazwischen? Gebe es, rief er, sicher: das Patriot-System; es sei bewegllich, brauche nur ein einziges Radar, und die Rakete fliege wesentlich schneller, die Amerikaner seien zufrieden damit. Aha, sagte ich, so, so, und wie funktioniert Ihre Uraltrakete? Mit Ach und Krach, rief ein dritter in den Musiklärm. Also, auf dem Schirm erscheint ein winziger Strich, also ein Flugzeug, dann werden alle Daten eingegeben - Entfernung, Geschwindigkeit und so weiter -, die Rakete wird gezündet und ihre Bahn dann laufend korrigiert. Ich nickte ein paarmal und sah ihn mir genauer an. Er war nicht älter als zwanzig, noch rund im Gesicht, noch zappelig. Und wie kann man nun unterscheiden, ob dieser winzige Strich auf dem Schirm ein Freund oder das Gegenteil ist? Das sei nicht einfach, sagte er, das müsse eh der Offizier entscheiden, es gebe da schon Möglichkeiten; es existiere da ein Feind-Unterscheidungssystem. Ich bot ihm eine Zigarette an und rückte etwas näher.
Und so eine Nike-Rakete oder das entsprechende Ding von drüben, fragte ich den jungen Soldaten, die könnten eine teure Phantom samt teurer Besatzung glatt abschießen, oder? Er gab mir Feuer, ich bestellte zwei Bier. Nun, wenn das Flugzeug nicht schon zu nahe herangekommen wäre, gar kein Problem, das sei mit der alten Nike schon zu schaffen ...
Die gewaltige Mama schob uns die Flaschen zu, ich nahm einen Schluck, ich dachte nach. Aber wozu dann, wollte ich wissen, die ganze aufwendige Pilotenausbildung, lieber gleich Raketen gegen Raketen.
Sei viel zu kurz gedacht, mischte sich von hinten jemand ein - meine Bekanntschaft. Solche unbemannten Systeme seien einfach nicht flexibel genug. Zielsuche, Zielidentifizierung, Zielauswahl, Zielverfolgung, Waffenauswahl sowie die Bekämpfung von hochmanövrierfähigen intelligenten Zielen unter Störbedingungen seien eben nicht zu automatisieren! Ich drehte meinen Kopf etwas um. Und ich dachte wirklich, Sie sind kein Experte ... Sei er auch nicht! Am letzten Tag der Reise sei diese Frage bei der abschließenden Diskussion gestellt worden, an den Leiter des deutschen Luftwaffenausbildungskommandos in den USA, einen Brigadegeneral, der für alle Lehrgangsorte drüben verantwortlich sei, und es gebe zig davon, in Alabama, in ... Interessiert mich überhaupt nicht, schnitt ich ihm das Wort ab, was hat der General noch so gesagt? Na, daß beide Systeme wichtig seien - überlegener sei aber das bemannte, denn die unbemannten könnten viele Aufgaben gar nicht erfüllen, nicht wahr, nur ortsfeste, voraufgeklärte Bodenziele ließen sich mit solchen Dingen bekämpfen.
Muß man eben bessere Flugkörper bauen! rief ich nach hinten und bezahlte das Bier. Oder ein besseres Flugzeug, wandte er ein, und das hätten wir ja schon, nämlich den Tornado: fliegt extrem schnell, extrem tief, schleppt bis zu fünf Tonnen und ist hoch beweglich, natürlich auch ein bißchen teuer, fünfzigkommasechsundfünfzig Millionen, pro Stück, versteht sich, pro Stück, aber inklusive Mehrwertsteuer und Zoll.
Ich griff mir an die Schläfen. Ich hätte es noch immer nicht begriffen - warum nicht bessere Fernlenkwaffen, warum nicht? - Zu aufwendig! rief er von weit her, Riesenaufwand an Sensoren, an Navigation, riesige Stückzahlen, die ganze Bergungstechnologie und und und ... Schön und gut, lenkte ich ein, das mag ja alles stimmen, nur kommt es mir vor wie ein Star Wars: Trotz der raffiniertesten Waffen fehlt in keinem dieser Filme der Zweikampf, dieses völlig überflüssige Mann-gegen-Mann; was wäre denn, wenn Frauen beim Militär dieselben Funktionen ausüben dürften wie Männer - wären befraute System dann auch den unbefrauten überlegen?
Absurder Gedanke! hörte ich ihn und sah mich langsam um - er war weg, verschwunden zwischen den jungen Soldaten, die mir freundliche Blicke zuwarfen, fast so, als flirteten wir. Und ich brach augenblicklich auf.
-----------------------------------------------------
Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
|