Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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R e z e n s i o n e n
zu »Eros und Asche«

Ein Trauernder auf der Fanmeile

Bodo Kirchhoff verarbeitet in seinem neuen Roman "Eros und Asche" den Tod eines Freundes

Keine Dichtung ohne Wahrheit. Und: keine Wahrheit ohne Dichtung. Spätestens seit Goethes autobiografischem Roman gibt die Verbindung des Fiktiven mit dem Tatsächlichen als unumstößliches Diktum der Literatur. Der Ich-Erzähler etwa ist grundsätzlich ein ersponnenes Wesen. So selbstsicher er auch seine Geschichte vorzubringen vermag; der Wirklichkeit entspricht sie allenfalls auf einer metaphorischen, einer symbolischen Ebene.

Bodo Kirchhoff hat nun einen "Freundschaftsroman" veröffentlicht. Unter dem Titel "Eros und Asche" blickt er als namenloser Ich-Erzähler auf eine Beziehung zu einem kürzlich verstorbenen Mann namens "M." zurück. Das Ungewöhnliche an disem Buch besteht nicht allein in der eher selten gebrauchten Thematik - sind doch Romane über Freundschaften allenfalls in der Kinder- und Jugendbuch-Abteilung zu finden. Ungewöhnlich ist vielmehr der demonstrative Verweis auf das Hier und Heute sowie auf die Person des Autors. Obgleich er seinen Namen stets vermeidet, statt dessen von sich selbst als "der Schreibende" oder "der Schriftstellerfreund" spricht, lässt sich bereits nach wenigen Seiten feststellen: Dieser Ich-Erzähler ist Bodo Kirchhoff selbst, so wie sich auch hinter dem Kürzel "M." niemand anderes als sein kürzlich verstorbener Freund Michael Päselt verbirgt, dem dieser Roman gewidmet ist.

Bodo Kirchhoff arbeitet an seiner Novelle "Der Prinzipal", pendelt zwischen seiner Frankfurter Wohnung und dem Domizil am Gardasee und verfolgt zwischendurch die Spiele der Fußball- Weltmeisterschaft. Es ist der profane Alltag, er auch nach dem Verlust eines geliebten Menschen unverändert weitergeht. Dem Trauernden bieten lediglich die eigenen Erinnerungen Rückzugsräume an. Und so sinniert er über die guten alten Zeiten, als er gemeinsam mit M. die beiden Töchter eines katholischen Apothekerpaars verführte. Anders als der zurückhaltende Bodo hatte sich dessen Internatskumpel seinerzeit als allzu wagemutig erwiesen - mündete doch seine Affäre in eine ungewollte Schwangerschaft. Später dann intellektuelle Gespräche, die neueste Literatur betreffend: M. inszenierte sich dabei als Idealist, als Kämpfer für die sozialistische Idee, der letztlich doch nur sein eigenes Wohlergehen im Blick hatte. Bis zuletzt blieb die Fassade des edlen Revolutionärs erhalten. Die Fernsehauftritte des erwachsenen Bodo Kirchhoff etwa fanden vor dem medienkritischen M. keine Gnade; zu kommerziell das alles, zu sehr dem Mainstream angepasst.

Gleichwohl ließ sich der in Berlin praktizierende Arzt stets auch seinen Stolz auf den erfolgreichen Schriftsteller-Freund anmerken. Dieser versuchte seinerseits ein hin und wieder aufkeimendes homoerotisches Verlangen zu überspielen; ein Verlanger, das aus einer emotionalen Fixierung auf den einzigen Gefährten im strengen Internat resultierte.

Später, in den letzten gemeinsamen Jahren, war die Fleischeslust gänzlich gewichen. Der Körper des Freundes war von der tödlichen Krankheit gezeichnet, die Muskeln geschrumpft, das Gesicht vergreist. Eros zerfiel zu Asche.

Doch auch nach dem Tod bleibt die Kluft zwischen Eros und Asche greifbar: Die Welt, die angesichts der emotionalen Erschütterung doch innehalten müsste, dreht sich unbeirrt weiter. Und während der Trauernde in seinem Innersten um ein Verhältnis zu dem schweren Verlust ringt, schießt draußen Bastian Schweinsteiger ein Tor. Die Freude des Publikums, der Jubel auf der Fanmeile, das kleine Glück des alltäglichen Lebens: Für den verlassenen Freund muss die Teilnahme daran zwangsläufig wie ein Verrat an der gemeinsamen Sache anmuten. So zieht er sich immer weiter in die Erinnerung zurück, bis er einen Ausweg findet. Im Gespräch mit seinem Verlegen "J.U." (Joachim Unseld) erörtert er die Möglichkeit, den Tod des Freundes literarisch aufzuarbeiten.

"Eros und Asche" besticht durch extreme Fallhöhen und scharfe Kontraste. Mit seiner unverwechselbar präzisen Sprache kreiert Kirchhoff gegensätzliche Welten, die gleichermaßen Anspruch auf Berechtigung erheben. Keineswegs nämlich ist seine Schilderung des Unbedarften als kritisches Mäkeln am oberflächlichen Konsum zu verstehen. Das Leben zwingt schließlich auch den Trauernden wieder zurück in die Wirklichkeit, und vielleicht gelingt dies am besten, wenn da eigene Kinder sind, die an die Vergänglichkeit der Zeit erinnern: "Die Tochter [...] schenkt ein Fotobuch zum Jahrgang achtundvierzig, damit dem Vater endgültig klar wird, wie hinterherhinkend er ist, auf ewig hinter dem Mond.".


Johannes Bruggaier
in: Kreiszeitung, 26.09.2007


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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