Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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In der Erzählung "Der Mittelpunkt des Universums" zieht ein alternder Bodybuilder durch das Frankfurter Bahnhofsviertel. Ein Weg, der ihn über zwei "Höhepunkte" führt, einem dritten entgegen, im Zimmer seiner Mutter. In dem Schauspiel "Body-Buildung" treffen sich Personen über einem Spiegel: Alberta, ihr gehört der Spiegel - Arnold, ein Bodybuilder, der sich vor dem Spiegel auf einen Wettkampf vorbereitet - eine Fotografin, die den Spiegel kaufen will - und ein Professor, dem der Spiegel als Beweisstück dient für Privatphilosophie. Die Arbeit "Körper und Schrift" setzt an einigen Beispielen Elemente und Motive der vorangegangenen Texte in eine Gedankenfolge um, die sich programmatisch zuspitzt. Kirchhoff entwirft einen Vergleich zwischen Körper-Bildner und Schrift-Steller und übt damit Kritik an einem Subjektbegriff, der sich auf dem Anspruch errichtet, "Autor von etwas sein zu können"; der Schriftsteller ist lediglich Schreibkraft: "Jeder Zufall einer Kreativität wird immer nur durch Nachtrag zum Ergebnis seines Einfallsreichtums.".



Bodo Kirchhoff


Körper-Bildner und Schrift-Steller also in einem Boot; entwendet wird nicht nur der Körper, sondern, damit verbunden, auch die Schrift, das Wort. Das Wort, das ich mir - unter Anstrengungen, als sei es wieder Muskeltraining - zurückerobern muß und unter den Nagel, den Stift, reiße.




P u b l i k a t i o n e n

Body-Building





Body-Building

Erzählung, Schauspiel, Essay

Erstausgabe
edition suhrkamp 1005, Neue Folge 5
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1980
161 Seiten
ISBN 3-518-11005-5

Leseprobe

Manchmal frage ich mich, an solchen Tagen wie heute vor allem, ob meine Glanzzeit schon vorüber ist.
Ich wiege jetzt zweiundsiebzig Kilo bei einer Körpergröße von einssechsundsiebzig. Mein Oberarmumfang beträgt - ich vermesse mich zweimal pro Woche - siebenunddreißig Zentimeter zur Zeit; die Brust liegt bei einhundertsechs; der Schenkelumfang bei vierundfünfzig und der der Waden bei achtunddreißig. Es hat sich eigentlich kaum was verändert. Ein paar geringfügige Umverteilungen, die jedoch die Harmonie des Körperganzen nur in den Augen von Fachleuten stören. Und die Leute, die mich hier so sehen - wenn sie mich überhapt sehen, auf der Kaiserstraße - sind alles andere als Experten. Ich trage mein Hemd weit geöffnet und zeige ihnen, was noch da ist.
Es ist Hochsommer und eine der wenigen fast tropischen Nächte in Frankfurt. Jeder ist auf seine Weise aus dem Häuschen, besonders hier im Bahnhofsviertel. Die Männer rennen herum wie angestochen und glauben wahrscheinlich, sie könnten in so einer Nacht die Brüste oder das Hinterteil oder die Beine ihres Lebens finden.
Im Grunde ist die Glanzzeit doch noch nicht vorbei. Jedenfalls heute noch nicht und morgen auch noch nicht ..., sage ich im stillen zu mir selbst. Ich rede häufig mit mir. Rede und mache mir nachher Gedanken darüber und antworte mir schließlich auch selber. In den meisten Fällen rede ich zu meinen Muskeln. Laufe vor mich hin, wie im Augenblick, schiebe dabei die rechte Hand in mein Hemd, lege sie dort auf die linke Brust und lasse den Brustmuskel hüpfen - wie es mir gerade gefällt. Na ..., sage ich zu ihr in meinem Kopf, noch ganz schön da ... noch richtig quicklebendig ..., nehme die Hand dort wieder weg, gehe mit ihr weiter zum Bizeps, über die kleinen, harten Täler in der Schulter, spanne an und lasse ihn rollen.
Und du ... dich kann man auch noch zeigen, was ...
So, in etwa, rede ich zu ihnen.
Früher ging ich hier täglich, weil es der Heimweg war vom Training. Seit ich nicht mehr trainiere, wenigstens nicht mehr mit anderen zusammen, gehe ich nach der Arbeit hierher; es ist auch jetzt noch mein Heimweg, aber nicht mehr notwendigerweise. Abgesehen davon, daß ich gar nicht wüßte, wo ich sonst hingehen soll, und es mich auch immer wieder drängt, hierher zu gehen.
Ich habe schon vor eineinhalb Jahren mit dem Bodybuilding aufgehört. Eine Zeitlang war ich ziemlich gut, vor allem was die Harmonie betraf. Einmal war ich sogar Vierter, bei einem Wettbewerb in Weinheim an der Bergstraße. Erster wurde Pfitzenberger - zu Unrecht. Damals hatte ich kein Fett zuviel. Doch das könnte ich mir wohl noch einmal runterhungern; das ist nur eine Frage der Beherrschung. Zu Hause, bei meiner Mutter, liegen auch noch alte Hanteln. Einmal am Tag ziehe ich sie dreißigmal mit jedem Arm nach oben; das ist für den Bizeps. Außerdem mache ich Liegestützen, hundert Stück am Tag; das ist für die Brust. Und ich rauche nicht und trinke auch nur hin und wieder mal. Gegen den leichten Haarausfall über der Stirn habe ich mir ein Mittel gekauft. Morgens und abends tropfe ich es mit einer Pipette auf die bedrohten Stellen. Ein anderes Problem sind meine Zähne. Da ich ein Süßigkeitenmensch bin, sind sie schon reichlich angegriffen, und ich fürchte, daß sie mir eines Tages einfach abbrechen könnten, wenn ich, was immer wieder vorkommt, auf irgend etwas Hartes beiße. Deshalb beiße ich meistens sehr vorsichtig zu. Und ich achte auch darauf, daß ich mich nicht erkälte; denn jede Erkältung wirft mich zurück.
Das wären dann meine wichtigsten Anfälligkeiten.

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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