Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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G e s p r ä c h e
Gerd Blase: Das Meer ist wunderbar - aber der See ist mir lieber

"Das Meer ist wunderbar - aber der See ist mir lieber"

Wohl kaum ein anderer deutscher Schriftsteller hat solch eine innige Beziehung zum Gardasee entwickelt: Schon Bodo Kirchhoffs erste Novelle spielt hier, der Autor besitzt oberhalb von Torri ein Haus - und nun bietet er dort Sommerkurse zur "Kunst des Erzählens" an.

Gerd Blase


Die schöne Lou fällt dem Auftragskiller Willem Hold vor allem wegen ihrer eigenartigen Tätowierung um den Nabel auf. Er sieht darin „ein Sinnbild der Männlichkeit, wie man es auf Klowänden findet“. Tatsächlich schmückt der Umriss des Gardasees den Bauch der Halbweltdame. Und irgendwie stimmt es doch, dieses Gewässer ähnelt auffällig einem Phallussymbol...

Schon auf den ersten Seiten von Bodo Kirchhoffs Bestseller „Schundroman“ spielt der Gardasee eine prominente Rolle. Und er bleibt immer präsent: Lou hatte in Malcesine eine Liebschaft mit dem Schriftsteller Branzger, ein Mann, der übrigens durch viele Werke Kirchhoffs geistert. Der Romanheld verbrachte hier in seiner Kindheit den einzigen Urlaub mit seinen Eltern. Und der Showdown des Romans wird bei der Landzunge San Vigilio stattfinden. Dort prangt höchst zweideutig ein Tor aus Pflanzen, „von Gärtnerhand so geschnitten, dass vorbeifahrende Frauen gern erröteten“.

„Im Grunde bin ich am Gardasee zum ersten Mal in der Situation, eine Heimat zu haben“, bekennt der 55-jährige Autor, den wir in Frankfurt/Main bei den letzten Arbeiten an seinem neuen Roman stören. Seit 25 Jahren zieht es ihn an den See, 1987 heiratete er hier, und vor sechs Jahren fand Kirchhoff über einen Freund ein herrliches Grundstück bei Torri, wo heute seine „Casa degli Olivi“ steht. „Es gibt eine große Bibliothek, alles, was man braucht zum Schreiben.“

„Ohne Eifer, ohne Zorn“, Kirchhoffs erste Novelle von 1979, spielt schon am Gardasee. Seitdem zieht es ihn auch erzählend immer wieder hierhin zurück: Sein großer Roman „Parlando“ hat den kleinen verlassenen Ort Campo zum Schauplatz, und in dem Band „Katastrophen mit Seeblick“ sammelte der Autor ältere und neue unveröffentlichte Seegeschichten.

Kirchhoff ist überhaupt ein See-Mensch. Nach der Scheidung seiner Eltern kam der gebürtige Hamburger 1959 in das Internat Gaienhofen am Bodensee – und seine Urlaube verbrachte er immer schon am liebsten an diversen Binnengewässern: „Für mich hat ein See immer ein großes Geheimnis und zugleich etwas Geschlossenes. Das Meer ist zwar wunderbar, aber der See ist mir lieber.“ Und obwohl er einen Großteil seiner Arbeit in Frankfurt verrichtet, hält er den Gardasee für einen höchst inspirierenden Ort: „Sie träumen hier intensiver. Durch das Geräusch des Wassers. Im guten Sinne geht es Ihnen an die Nerven.“

Deswegen hat sich Kirchhoff entschieden, Kurse für Schreibentschlossene in seiner „Casa degli Olivi“ zu geben. Voriges Jahr war das ein voller Erfolg: „Einmalig, wie die Menschen hier gepackt werden. Auch durch die Umgebung.“ Der Autor unterrichtet das Geschichtenerzählen zusammen mit seiner Frau Ulrike Bauer: „Allein könnte ich das gar nicht. Sie ist sehr erfahren in Supervision“ – zudem ist sie als Lektorin tätig.

Mitte Juni sollen sich wieder bis zu acht Teilnehmer für eine Woche treffen: diesmal unter dem Motto „Eros und Sprache“. Anfang September wird es dann um „Die Kunst des Erzählens“ gehen. Kirchhoff stellt für diese Kurse sein Haus zur Verfügung, den Garten, sein Boot „Parlando“ – und sein Wissen als erfolgreicher Schriftsteller natürlich: „Ich habe ein Gespür dafür, ob Texte, die im Moment entstehen, mit der Umgebung, mit den Menschen, mit wirklichen Lebensthemen was zu tun haben.“

Aber nun muss erst einmal der Roman fertig werden. Schließlich soll das Werk im Herbst erscheinen. Es beschäftigt sich just mit dem Kursthema „Eros und Sprache“. Die Handlung: Ein Schüler hat angeblich ein Mädchen im Schulkeller bedrängt. Auf der Lehrerkonferenz wird diskutiert, ob der Junge rausfliegt oder nicht. Einer der Lehrer, er steht kurz vor der Pensionierung, lädt den Schüler in seine Wohnung. Er soll ihm erzählen, was wirklich passiert ist im Keller, dann will er ihm berichten, was sich auf der Konferenz abspielte ...

Auch das neue Buch ist wieder mit dem Gardasee verwoben – wie sollte es anders sein. Der alte Lehrer nämlich ist jener Branzger, dem die Halbweltdame Lou in Malcesine begegnete. Wie der See ist dieser Mann zu einem Dauerthema Kirchhoffs geworden. Allerdings wird er diesmal seinen Ausstand geben: „Den Branzger, den lass´ ich jetzt sterben“, gibt der Autor bekannt.

Tja, mit den Personen seiner Romane spielt Kirchhoff gern auch mal ein grausames Spiel. So ließ er 2002 im „Schundroman“ ganz nebenbei einen berühmten Kritiker ums Lebens kommen. Der kuriose Zufall: Etwa zeitgleich erschien Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“, in dem es demselben Herrn, Marcel Reich-Ranicki nämlich, an den Kragen ging. Kirchhoffs Buch wurde viel gelobt, Walser dagegen handelte sich einige Kritik ein.

Apropos Kritik – da ist Kirchhoff ganz schnell wieder bei seiner besonderen Heimat. Wenn es um die Darstellung „seines“ Gardasees in den Medien geht, kann er nämlich richtig grantig werden: „Was darüber geschrieben wird, ist oft Schmarren, das geht besser.“ Und: „Ich hab´ da letztens so´n Film gesehen über ´nen Arzt, der übern Gardasee schippert. Es war schrecklich. Ich hab´ geschrieen vor Schmerzen.“ Vielleicht bietet er ja auch deswegen seine Kurse an: damit endlich richtig über den See geschrieben wird.

Nun ist aber Schluss, Kirchhoff muss weiterarbeiten an seinem neuen Roman. Zehn Stunden täglich sitzt er im Moment am Schreibtisch. Danach geht es dann endlich wieder an den Gardasee, nach Torri und nach San Vigilio mit seinem sehr bedenklich geformten Tor ...

Leben und Bücher


Bodo Kirchhoff wurde am 6. Juni 1948 in Hamburg geboren. Schon in der Schule entstanden erste Texte, während des Militärdienstes begann er mit dem Malen. Nach einem einjährigen USA-Aufenthalt studierte er bis 1979 in Frankfurt/Main Pädagogik. Noch im selben Jahr erschienen ein Schauspiel und seine erste Novelle „Ohne Eifer, ohne Zorn“: Gerade mal 1000 Exemplare wurden verkauft. Mit dem Roman „Infanta“ gelang ihm dann 1990 der literarische Durchbruch. Kirchhoff verfasste Essays, Theaterstücke, Erzählungen und Romane, aber auch Drehbücher für Kino und Fernsehen (etwa für den „Tatort“ und „Die Kommissarin“). Er ist sicherlich einer der vielseitigsten deutschen Autoren. Kirchhoff lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Frankfurt/Main und am Gardasee.

Folgende Werke mit Bezug zum See sind im Buchhandel erhältlich:
„Katastrophen mit Seeblick“, Suhrkamp-Taschenbuch, 145 S., 7,50 Euro
„Parlando“, Fischer-Taschenbuch, 535 S., 11,90 Euro
„Schundroman“, Fischer-Taschenbuch, 316 S., 9,90 Euro

 Es gibt auch eine sehr schöne und ausführliche Website zu Bodo Kirchhoff: www.bodokirchhoff.de.

Die Sommerkurse

„Eros und Sprache“ findet Mitte Juni statt, „Die Kunst des Erzählens“ Anfang September. Nähere Informationen und Termine sind unter Telefon 069/625265 zu erfahren oder per E-Mail: ulrike.kirchhoff@t.online.de

Gerd Blase
in: Gardasee-Life. Mai 2004.




Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors

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