Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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blondgelocktes Prinzchen

Ein blondgelocktes
Prinzchen, an der schönen
Mutter vorbeiblickend, in
die unendliche Leere der
Schönheit. [a]


Evelyn Peters
(Ps. f. Evelyn Peters-Joost) wurde am 08.04.1925 in Berlin geboren und verbrachte ihre Jugend in Wien, wo sie das Reinhardt-Seminar besuchte. Von 1945 bis 1955 spielte sie im Theater in Hamburg, bei Ida Ehre an den Kammerspielen und am Deutschen Schauspielhaus.
Seit 1961 arbeitete sie als Redakteurin, bis sie sich 1967 ganz der Schriftstellerei widmete. Sie hat viele Romane veröffentlicht, u.a. "Klassentreffen", "Späte Begegnung", "Eine Reise im September" und "Die Heilerin".


mit Max Schmeling

Von der Außenwelt völlig
unbemerkt, wurde das Kind
mit viereinhalb größen-
wahnsinng. [b]



L e b e n s d a t e n   1 9 4 8 - 1 9 5 9
1948
am 06. Juli geboren in Hamburg

Der Vater, Heinz Kirchhoff (*1917), ein gutaussehender, schwer Kriegsverletzter aus Hannover, der vor dem Nichts stand und die Mutter, Evelyn Kirchhoff geborene Peters (*1925), "eine Wienerin aus bürgerlich-nervösem Haus".
"Die Mutter, besessen von der Vorstellung, ihr Nobody-Sein zu beenden, spielte unentwegt Komödien, immerhin auch am Deutschen Schauspielhaus (...) und der Vater, besessen von dem Wunsch, etwas herzustellen, Fabrikant zu werden, stand unter dem Druck, Geld für das Nötigste zu verdienen." [1]

Schuhgeschäft Jordan
Schuhgeschäft Jordan und Krögers Brötchen
Fotos: ©Schubert

Bäcker Kröger
"Kurz vor dem Schweizer Platz ließ ich die Cordes Richtung Launitz ziehen und ging selbst um die Verkehrsinsel herum und bog dann hinter dem Platz, der keiner ist, bei Jordan-Schuhe ab; aber erst in Höhe des Bäckers Kröger, der sich mit Hilfe meiner Generation oder aller Unverzweifelten seit damals gehalten hat, also noch eine Ecke weiter, begriff ich, daß mein Ziel die nahe Morgensternstraße war."

(Wo das Meer beginnt, Seite 150)








"Zuerst kaufte ich im Milano fünf Kugeln, drei für ihn, zwei für mich, dann lief ich zum Kröger, wo jeden Sonntag dieselben Idioten standen und stehen, die meisten gerade aus dem Bett gekrochen, im Turnzeug, eine Schlamperschlange bis zur Straße, geduldig wartend auf die ganze Welt des Krögerbrötchens und Krögerbaguettes (Vorläufer des Ciabattobrots), und letzteres, nämlich ein Baguette, ließ ich mir einpacken, Tüte vier; und als auch das getan war, nahm ich beim Zeitungskäfig noch die Rundschau mit."

(Wo das Meer beginnt, Seite 276)



1952
Geburt der Schwester Nina

"Etwa um diese Zeit, 1952, durfte das Kind zum ersten Mal mit den Eltern ins Kino; es sah die Geschichte vom hölzernen Jungen Pinocchio und glaubte, sich selbst zu erblicken; vor Aufregung machte es in die Hose, man mußte das Kino verlassen - ›Ich war's nicht‹, soll das Kind gesagt haben, die Eltern ließen das durchgehen,und schon gab es eine Markierung: Man konnte sich vom eigenen Körper zur Not distanzieren." [2]

Thai Snack am Schweizer Platz
Thai Snack, Schweizer Platz
Foto: ©Schubert


Eis Café Milano
Eis Café Milano, Schweizer Straße
Foto:
©Schubert
"Ich verließ die Uferanlagen und ging vorbei am Filmmuseum und dem sogenannten Schwarzen Café in Richtung Schweizer Platz, Branzgers vier Ecken, die noch dieselben
sind wie damals, wenn man von einem Thai-Snack absieht; ich bummelte jetzt, mein Jackett in der Hand, bis mir die Schlange vor dem Eissalon Milano gleichsam in die Quere kam und ich mich einfach dazureihte, jetzt nur noch damit beschäftigt, welche der vielen Sorten im Moment wohl die richtigste wäre oder ob nur die Mischung von zwei ganz bestimmten, etwa Bacio und Mocca, zum reinen Eisglück führten. Und während ich noch mit dieser
Geschmacksfrage befaßt war, fiel mein sich selbst überlassener Blick auf ein Paar schon geschwellte Waden am Anfang der Schlange, Waden, die ich schon halbe Deutschstunden über betrachtet hatte und doch nicht gleich erkannte, erst als die Frau, zu der sie gehörten, mit ihrer Eisportion, zweimal Erdbeer, davonging und ich sofort aus der Schlange ausscherte; für jemanden mit Eis in der Hand ging die Cordes – inzwischen wohl pensioniert – recht zügig, als sei’s gar nicht ihr Eis, sondern das eines anderen, irgendwo wartend, in einem Auto vielleicht; einen Moment lang dachte ich an Blum, aber dann schleckte sie etwas im Gehen und überquerte sogar schleckend die Gartenstraße, und ich ließ ein paar Leute zwischen uns, falls sie plötzlich stehenbliebe."

(Wo das Meer beginnt, S. 148/149)


"Also saß das Kind bald neben Max Schmeling - Dreharbeiten zu dem Film ›Keine Angst vor großen Tieren‹ - und mußte, spaßeshalber, etwas boxen; die Made mit dem Baskenmützchen und dem starren Blick, neben Schmeling sitzend - festgehalten am 3.8.52 auf einem Standfoto, das zur Ikone einer Kindheit wurde -, gewann, drehbuchgemäß, gegen den Schwergewichtsweltmeister, und der eigene und zugleich fremde Körper dehnte sich, im Imaginären, wie ein Ballon - von der Außenwelt vollkommen unbemerkt, wurde das Kind mit viereinhalb größenwahnsinnig (und das sich die Dinge später doch etwas glätteten, lag sicher an der Geburt seiner Schwester, eines unübersehbaren Anderen." [3]

1955
Umzug der Eltern in den Schwarzwald (Kirchzarten)

"Der Vater plante, in den Schwarzwald zu ziehen, er sah dort günstigere Bedingungen für seine inzwischen aus dem Boden gestampfte Fabrikation medizinischer Geräte, sah aber auch ganz allgemein dort das bessere Klima zum Leben." [4]



Alte evangelische Pfarrkirche,
Kirchzarten - Foto: ©Schubert

"Kirchzarten, damals noch mit ungeteerten Straßen und einem Mann, der freitags die Ortsnachrichten ausrief, war für das Kind keine andere Welt, sondern der erste, lebendige Kontakt überhaupt mit der Welt: ein Dorf, dessen Jungs den Neuzugang aus Hamburg fragten: 'Wem g'körschsch du?', worauf das Kind, knapp und kehlig, hätte antworten müssen: 'Ins Kircch-hoffs!' Doch statt dessen erzählte es gleich von sich und Max Schmeling und bekam ebenso gleich eins auf die Fresse, von einem gewissen Sumser, dem Sumser-Willy, der dem Kind auf die Weise ein Stück Leben einbleute, ihm bei der Gelegenheit obendrein den Ausdruck 'Heilandsack!' beibrachte (und das Alemannische ist, nebensei gesagt, noch immer der einzige Dialekt, in dem ich mich geborgen fühle).

(Legenden um den eigenen Körper, Seite 20)


"Und wenn man das alles noch viel naiver, aber auch ästhetischer betrachtet, sich einen räumlichen und zeitlichen Mittelpunkt meines zerebralen Heimatgeflechts denkt, so wäre dieser Punkt eine kleine, sandsteinerne evangelische Kirche am späten Nachmittag des jeweils vierundzwanzigsten Dezembers meiner Kinderjahre, die kleine Zweitkirche eines Schwarzwalddorfs - als es gerade noch Dörfer gab und der Schwarzwald seinen Namen verdiente ..."

(Parlando, Seite 230)

"Und so kam das Kind - in Hamburg protestantisch getauft und 'n bü'schen auch so ss-prechend, wie man dort eben so ss-pricht - 1955, (...) in eine alemannische Volksschule, gelegen in dem katholischen Flecken Kirchzarten, von dem es, in seinem Größenwahn, glaubte, er stelle mit diesem Namen ein natürliches Entgegenkommen an den eigenen Namen dar." [5]



Der Schopf - Foto: ©Schubert

"Dem Kind war nun endgültig eingeschrieben, daß nicht nur der Körper, sondern auch die Sprache von außen kam, daß es selber nichts war und folglich keine Heimat besaß; das wahre Sein schien jedenfalls ganz woanders beheimatet, und da das Kind zu klein war, es in der weiten Welt zu suchen, begann es dieses Suchen in der nahen Welt eines Gartens, zu dem Haus gehörend, das die Eltern gemietet hatten. Dort, in dem Garten, gab es einen Schuppen, und in diesem Schuppen grub es ein Loch, ein Loch, das durch die ganze Erde führen sollte - denn auf der anderen Seite, dachte das Kind, käme es noch einmal neu auf die Welt - "Und dann ist alles, wie ich es will", heißt es, zwanzig Jahre später, in einem ersten Theaterstück 'Das Kind oder Die Vernichtung von Neuseeland'. Und natürlich mußte dieses höchstpersönliche Loch, als das Kind auf Grundwasser traf und, schlammbesudelt, im Morast weitergrub, das Ganze allmählich an ein offenes Grab erinnerte, aber auch die Vereinigung mit Mutter Erde unübersehbar wurde, schleunigst zugeschüttet werden, womit das erste Selbsterschaffungsvorhaben des Kindes schmerzlich gescheitert war. Zurück blieb freilich eine Mulde im Boden, mit dem schützenden Schuppen darüber - idealer Schauplatz für erste Erkundungen am lebenden Objekt."

(Legenden um den eigenen Körper, Seite 20/21)


1959
Scheidung der Eltern

"Vier glückliche, besser gesagt, geglückte Jahre, ich wiederhole es - 1959 erfolgte die Vertreibung aus dem kindlichen Paradies, kam die unerwartete Wende im Familienroman, wenn nicht der Abbruch dieses Romans nach der Hälfte. Die Eltern des Kindes ließen sich scheiden, im Grunde eine Kriegsfolge, vierzehn Jahre nach der Kapitulation, das Kind erfuhr davon nichts, es erfuhr nur den Schnitt - im Alter von zehn mußte es, ausgestattet mit einem weißen Hemd, neutraler Bettwäsche und einer Krawatte, ins Internat." [6]



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Alle Fotos (teilweise hier abgebildet als Ausschnitt) und Zitate auf dieser Seite stammen aus
Bodo Kirchhoff: Legenden um den eigenen Körper, Frankfurter Vorlesungen,
Frankfurt am Main, Suhrkamp 1995
[1] Ebd., S. 15; [2] Ebd., S. 14; [3] Ebd., S. 17/18; [4] Ebd., S. 18; [5] Ebd., S. 20;
[6] Ebd., S. 22/23; [a] Ebd. S. 43; [b] Ebd. S. 19



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