Erkennen und Verkennen
Bodo Kirchhoffs Erzählband "Der Sommer nach dem Jahrhundertsommer"
Einsame Männer, die es drängt - in die Stadt, ins Rotlicht, zur Frau. Warum dem so ist, wissen sie nicht, und auch dem Leser bleibt es entzogen. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie einen Ort aufsuchen, der vom Schein einer imaginären Ganzheit lebt: das Bordell. Das Bordell ist der Ort, an dem das Spiel mit den Versatzstücken des Eigenen, Orginären und Verbürgten lustvoll in Szene gesetzt wird, und der Körper letztlich doch nichts anderes ist als eine Projektionsfläche, auf der das männliche Begehren seine Imaginationen situiert. Doch werden die Männer in Bodo Kirchhoffs frühen Texten, wie im soeben erschienenen Band der Erzählungen aus 25 Jahren nachzulesen ist, auch drangsaliert. Ausgesetzt sind sie den Exerzitien einer manisch auf den Eros fixierten Sprache, in der beide, Begehren und Sprache, am Abgrund entlang um die Objekte rivalisieren.
Unstillbares Begehren
Dem Eros kommt es hier zu, weit mehr zu sein als nur penetranter Drang zur Penetration. Vielmehr steht er für ein gedachtes Modell zur universalen Erschließung des Selbst. Im Bann des Eros erst vermag das Subjekt eine Ahnung von den Bausteinen zu erhaschen, die in der Sprache des Unbewussten sein Ich und mithin das Drama um das auf Mangel gegründete, unstillbare Begehren konstituieren.
In der Erzählung "Schärfer, wenn's geht", die den Autor im Ringen mit dem Redakteur eines Monatsmagazins zeigt - unschwer ist der "Playboy" zu erkennen -, legt Bodo Kirchhoff das Setting frei, mit dem er üblicherweise seine Geschichten unterfüttert. Aus dem Unvorhergesehenen der Begegnung mit einer Frau ergeben sich für den Mann Winke; durch läppische Details - ihre Ausdrucksweise, Garderobe, ein Stückchen Haut - gerät die Begegnung in Bewegung. Für den Großteil seiner Erzählungen hat der Autor dieses Gestaltungsschema beibehalten. Kirchhoffs Prosa, die stark von den Denkansätzen des französischen Psychoanalytikers und Strukturalisten Jacques Lacan inspiriert ist, braucht das feste Gerüst eines solchen nachvollziehbaren Erzählrahmens.
Das Ich als Trugbild
Wie in der titelgebenden Erzählung "Der Sommer nach dem Jahrhundertsommer", in der ein Ehepaar nachts auf dem Balkon gänzlich in seine Lebensgeschichte verzwirnt ist, während unten zwei Einbrecher zugange sind, ist das vom Unbewussten übergriffene Ich bei Kirchhoff nicht mehr "Herr ist in seinem eigenen Haus" (Sigmund Freud). Kirchhoffs Figuren können sich auf die Evidenz des Selbstbewusstseins nicht verlassen. Ganz im Gegenteil sind sie dem Wechselspiel von Selbstverbürgung und Täuschung, von Erkennen und Verkennen, von Bespiegelung und Aggression auf geradezu fluchbelastete Weise ausgesetzt. Dabei versteht es der Autor wie kein zweiter, in seinen Texten ausgefeilte symbolische Spiegelwelten zu errichten. Über sie wird deutlich, wie hinter der behaupteten, autonomen Einheit des Ich durchweg ein anderes Subjekt zur Sprache kommt - eines, das, von frühkindlichen Phasen geprägt, in seinen Träumen, Fehlleistungen und mehrdeutigen Wortverkettungen eine indirekte Artikulationsmöglichkeit gefunden hat.
In den drei neuverfassten, den Sammelband beschließenden Erzählungen schlägt Kirchhoff einen anderen Ton an. Das erzählende Ich wird nun nicht mehr von seinen Bewusstseinsinhalten - etwa von der Komik vorgeblichen Sinns, von fremder Rede oder auch dem subjektmächtigen Unbewussten der Sprache - überrascht. Ebenso ist das Beschwörende, das Alptraumhafte (von atemberaubender Schönheit: die Erzählung "Verdunkelung") aus der Beschreibungen gewichen.
Anstelle von fundamentaler Ortssuche durch und in Sprache wird jetzt von innen her, vom Zentrum gelebten Lebens, der Familie, erzählt und die Bedrohung durch Fremdheit überhaupt ins Wort gefasst. Plötzlich zählt, wie etwa in "Junge Katzen", die von sanfter Altersmelancholie getragene Momentaufnahme eines Vaters und seiner kleinen Tochter. In eigenen Kindern, als Möglichkeit seiner selbst verstanden, spiegelt der Autor die Selbstanteile wie auch das Fremde.
Neue Zeichen von Leben
Fast sieht es so aus, als habe die Sprachbewegung in den neuen Texten ihre Richtung gewechselt. Nicht mehr die sezierende Sprache des Frühwerks ist es, die selbst zum Abgrund geriet, indem sie, ähnlich wie bei Melville, das metaphorische Objekt gleich einem Gegner zu verschlingen drohte. Die Brillanz des Erzählers Bodo Kirchhoff erweist sich nun darin, dass er um die vereinnahmende Gewalt der Sprache weiss und gleichwohl versucht bleibt, in ihr das Meer zu erkennen, dem man alles verzeiht, nur nicht das eine - dass es seiner Wahrheit untreu wird: der Schöpfung immer neuer Zeichen von Leben. .
Thomas Beutel
in: Eßlinger Zeitung, 02./03.07.2005.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Esslinger Zeitung
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