Milch aufsetzen und ein Brot streichen
Wie Bodo Kirchhoffs Groschenroman über "Die kleine Garbo" versucht, ein Drehbuch zu werden
Greta Garbo war einer von jenen Stars, die böse Frauchen zu spielen hatte, die lieben Männchen den Garaus machte. Immer wieder umwallte und umwogte sie einen Herrn so lange, bis er ihren Verführungskünsten erlag.
Worin nun mag der Sinn eines Buches liegen, das "Die kleine Garbo" heißt und damit eine zwölfjährige Jungschauspielerin meint, die eigentlich nur ein verzogenes Kindchen ist. Statt böser Mächte verkörpert sie das Gute am Film, der von der Schönheit lebt und davon, die Sinne mehr zu überrumpeln als zu überreden. Eine Überrumpelungsästhetik setzt auch Bodo Kirchhoff ein, um uns von seinem neuen Roman zu überzeugen. Vor einer spektakulären Naturkulisse mit Wölfen spult er die Handlung ab.
Leise rieselt der Schnee, während er zwei zusammenprallen lässt, die unterschiedlicher nicht sein können: einen Mann, dem alles fehlt zu einem glücklichen Leben und eine halbe Portion von Schauspielerin, die alles hat. Er hatte eine 68er Vergangenheit, ist von seiner Frau verlassen worden und hat gerade eine Bank überfallen. Die Kleine ist ein Medienstar und hat eine Zukunft beim Fernsehen. Sie hockt im Engelskostüm in einem Mercedes, den er als Fluchtwagen klaut. Vorher aber erschießt er zu allem Überfluss auch noch ihren Chauffeur, aus Versehen natürlich.
Glück und Unglück der Figuren sind von der übermäßigen Größe, die zwischen die Buchdeckel eines Groschenromans passt. Was spektakulär beginnt, geht idyllisch weiter. Still und starr ruht der See in einem abgelegenen Waldstück, während sich der Mann und das Kind über alte Filme
unterhalten und durch den Oldietrack der Siebzigerjahre hören. Horch nur wie lieblich es schallt, wenn dazu ab und zu durch den Wald ein Pistolenschuss knallt. Denn die beiden werden nicht nur vom Bundeskriminalamt, sondern auch von einer übereifrigen Producerin und einem joggingsüchtigen Staatsanwalt gejagt. Während die Producerin die Wirklichkeit mit einem Drehbuch verwechselt, das ihr den goldenen Fernsehpreis einbringen soll, geht dem Staatsanwalt der nächste Marathon nicht aus dem Kopf. Am Ende verführt die "kleine Garbo" nicht, sondern rettet ihren Entführer, Klappe zu und Schluss.
Dieses Buch hat den etwas übertriebenen Schmiss eines Jugendbuchs und den falschen Glanz eines alten Farbfilms. Es hält nicht Ausschau nach Lesern, es schielt nach dem Film. Vor einer Papierkulisse werden Statistensätze gesagt. Falsche Engel flattern durch einen Film, den es nur als Buch gibt.
Keine andere Gattung trägt die Moral so dick auf wie jene, in denen Stars wie Greta Garbo zu Vamps werden. Kirchhoff dreht die Kategorien um, seine kleine Garbo kommt im Engelskostüm per Flugzeug vom Himmel herab, ihr Entführer erscheint zunächst als Ausgeburt der bürgerlichen Welt. Beide läutern einander, das Mädchen bringt dem Entführer so etwas wie Glück bei und er dem Mädchen Verständnis entgegen.
Lästigerweise wird im Gespräch zwischen den beiden ständig der Zeigefinger des Pädagogen erhoben und der verhinderte Lehrer sagt hochpathetische Sätze: "Aber Leben heißt, etwas weitergeben, egal, an wen, egal, unter welchen Umständen, auch fast egal, was - Hauptsache
geben! Milch aufsetzen, ein Brot streichen, gute Miene machen, den Schulweg mitgehen, den Tag abhaken, nach Hause kommen, kein Küsschen erwarten, beim Nägelkauen zusehen, sich das Rauchen verkneifen." "Langt jetzt" sagt die Kleine. Das finden wir auch.
Uta Beiküfner
in: Berliner Zeitung, 31.08.2006 .
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
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