Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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"Bestie von Langenberg" und "Teufel in Menschengestalt" lauteten die Schlagzeilen in der Presse vom 22. Juni 1966. Einen Tag vorher war der 19jährige Metzgergeselle Jürgen Bartsch in der Wohnung seiner Adoptiveltern verhaftet worden.
Vier Jungen im Alter zwischen acht und zwölf Jahren hatte Bartsch ermordet. Er sprach seine Opfer auf Kirmesplätzen an und lockte sie dann in einen alten Luftschutzstollen unweit seines Elternhauses in Langenberg. Dort missbrauchte und quälte er die Kinder, ehe er sie tötete.
Am 15.12.1967 wurde er vom Landgericht Wuppertal zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt. In einem zweiten Prozess wurde das Urteil revidiert: 10 Jahre und Einweisung in eine Heil- und Pflegeanstalt.
Bartsch beantragte eine Kastration und starb 1976 bei der Operation im Landeskrankenhaus Eickelborn an den Folgen eines Narkosefehlers.














P u b l i k a t i o n e n



Über Jürgen Bartsch


Neue Praxis, 3/76, Neuwied



Jürgen Bartsch starb am 28. April 1976 infolge einer Kastrationsoperation. Die Kastration geschah auf sein Verlangen hin. In den Nachrichten hieß es, ›Bartsch erhoffte sich davon die Befreiung von seinem abartigen Sexualtrieb‹. Offenbar gab es für ihn keine Aussicht, durch ein menschenwürdigeres Verfahren entlastet zu werden. Sowohl sein eigenes Selbstmißverständnis als Triebtäter als auch das Mißverständnis der Experten scheinen sich in den zehn Jahren seiner Haft nicht geändert zu haben.
Kastration, die er, der das Zaubern liebte, als magische Beseitigung seines ›Bösen‹ empfunden haben muß, erschien ihm und anderen, die es besser wissen sollten, geeignet, seine ›Abartigkeit‹, das heißt aber sich selbst loszuwerden.
Seine Kastration bedeutete Zerstörung, also das Gegenteil von Heilung, die den Aufbau neuer Strukturen anstrebt. Wie heilungsbedürftig aber muß jemand sein, der um seine eigene Weiterstörung bittet und dabei keine Abfuhr erhält?
Nicht der Trieb war ausschlaggebend, der Jürgen Bartsch beherrschte, sondern sein Selbstgefühl. So, wie jemand intensiv sich und andere lieben kann, hat Jürgen Bartsch intensiv gehaßt: Das aber, was bei einer Kastration entfernt werden kann, hat mit den Phantasien, die um Liebe und Haß kreisen, nicht das geringste zu tun.

Ich bin Heilpädagoge und leite zur Zeit eine Arbeitsgruppe über Jürgen Bartsch an der Universität Frankfurt. Im letzten Semester haben wir darüber nachgedacht, wie es zu seinen Taten kommen konnte; in diesem Semester wollten wir über die therapeutischen Möglichkeiten für Jürgen Bartsch sprechen. Wir konnten ihn dabei mit unseren Gefühlen verabscheuen, und wir konnten ihm mit unseren Gefühlen nachspüren und ihn dabei mitunter verstehen. Mit seinem Tod ist er endgültig zu einem Objekt der Wissenschaft geworden. Jetzt können Psychoanalytiker, die wegen ihrer Zurückhaltung für sein Verlangen nach Kastration mitverantwortlich sind, sich gefahrlos mit ihm beschäftigen.
Mein Versuch eines Nachrufs auf Jürgen Bartsch gilt nicht nur ihm, sondern auch den Gefühlen, die sein Leben bei mir hervorgerufen haben: er gilt auch jener Betroffenheit, die mir viel von meinen eigenen verborgenen Ängsten und zurückgedrängten Phantasien vermittelt hat. Diese aufschlußreiche Betroffenheit wird jedoch allmählich einem im Grund unwissenschaftlichen, weil Subjektivität ausschließenden Interesse weichen; Jürgen Bartsch wird zum bloßen ›Fall‹ werden, zur wissenschaftlichen Sensation und nicht mehr zur persönlichen.
Jürgen Bartsch war kein gewöhnlicher psychischen Krankheitsfall; er war kein mit inneren Konflikten behafteter bürgerlicher Neurotiker - dazu waren sein Selbst und sein Ich viel zu brüchig und schwach. Er wäre wohl kaum für einen Psychoanalytiker ein verläßlicher Vertragspartner gewesen, der sich an die Vorschriften der Behandlung halten kann. Aber er war deshalb nicht etwa schwachsinnig, im Gegenteil: er war feinfühliger und empfindsamer als seine Umgebung. Während seiner Haft legte er in einem Briefwechsel mit Paul Moor (1) einprägsam Zeugnis darüber ab. Es ist schwierig und vielleicht auch überflüssig, seine Krankheit an dieser Stelle zu bezeichnen. Die Zerstörung seiner Persönlichkeitsentwicklung ereignete sich so früh in seinem Leben und wurde so konsequent weitergeführt, daß er schließlich über seine Phantasien nicht mehr verfügte, sondern sie unmittelbar auslebte; er wurde mit seinen Phantasien identisch.

Von Geburt an, am 6. November 1946, verbrachte Jürgen Bartsch sein erstes Lebensjahr auf Wunsch seiner zukünftigen Adoptivmutter auf jener Säuglingsstation, auf der er zur Welt kam. Die Personen um ihn herum waren überlastete Krankenschwestern, die ihn mit Nahrung versorgten, reinigten und ab und zu kitzelten. Es hieße jedoch grob vereinfachen, würde man dieses erste Lebensjahr auf den verwaschenen Nenner ›zu wenig Liebe‹ bringen. Hierbei geht es noch um etwas anderes, das in einem in Kürze erscheinenden Aufsatz von Aloys Leber (2) in anschaulicher Weise herausgearbeitet ist und wesentlich zu einem differenzierten Verständnis der frühen Entwicklung von Jürgen Bartsch beiträgt: Ein Säugling, der im Grunde viel zu früh den Mutterleib verläßt, braucht vor allem weiterhin das Gefühl, der Mittelpunkt und der Bewirker eines für ihn allmächtigen Befriedigungssystems zu sein, das aus Mutter und Kind besteht.
Was für den Säugling von der Mutter ausgeht, ihre Gerüche, ihre Körperwärme, der Geschmack ihrer Milch, der Klang ihrer Stimme, die Art, wie sie pflegt und versorgt, werden so selbstverständlich erlebt, wie der Erwachsene seine Körperfunktionen oder die Luft, die ihn umgibt. Die Säuglingswelt sollte also aus diesem allmächtigen, wunderbaren und alle Wünsche befriedigenden System bestehen, als dessen Bewirker sich das kleine Kind fühlen kann, obwohl alles Tun von der Mutter ausgeht.
In diesem geglückten Fall von Selbstverständlichkeit der frühen Allmachtsgefühle wird die über die Körperbedürfnisse vermittelte Grundlage des Selbstgefühls nicht eine von Wut getragene, krankhafte Sehnsucht nach Allmächtigkeit sein, sondern eine weithin befriedete Gefühlsbasis, auf der man sich und andere lieben kann.
Jürgen Bartsch hatte während seines ersten Lebensjahres keinerlei Möglichkeit, diesen gesunden narzißtischen Kern auszubilden. Nichts Befriedigendes geschah verläßtlich und ohne sein Zutun. So gab es einen Klingelknopf, den er drücken konnte, worauf eine der Schwestern kam und nach ihm sah. Befriedigungen wurden so von vornherein nur durch aktives Verfügen über andere möglich. Aus dem Mangel an selbstverständlicher Allmacht entstand eine in seinem Selbstporträt immer wieder hervorgehobene ›Machtlust‹; die Anderen wurden für ihn nicht zu selbständigen Objekten, sondern sie waren, wie Kohut (3) schreibt, ›Fehler in einer narzißtisch wahrgenommenen Realität‹, wenn sie nicht so funktionierten, wie er es sich vorstellte.
Nach diesem ersten Lebensjahr ergab sich nun eine verhängnisvolle Verstrickung zwischen sienem früheren Schicksal und dem Schicksal seiner Adoptivmutter, die genau diese einzige Grundlage seiner Persönlichkeit, über andere verfügen zu müssen, um sich überhaupt existent zu fühlen, aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit einer totalen Kontrolle des Kindes restlos unterdrückte. Maud Manoni (4) spricht von einem ›Phantasma‹ der Mutter gegenüber ihrem Kind und meint damit deren Vorstellungen und Wünsche, die unabhängig von der tatsächlichen Realität des Kindes wirksam werden. Im Phantasma der Mutter von Jürgen Bartsch, die ihr zukünftiges Adoptivkind in jener Säuglingsstation buchstäblich auf Eis gelegt hatte, war das kleine Kind, das sie dann zu sich nahm, ein im Grunde willenloses Wesen, das sich nicht individuieren sollte und konnte.
Die intensiven narzißtischen Kränkungen, die Jürgen während seines ersten Lebensjahres in solchem Übermaß ertragen mußte, wurden in dieser Negation seines Lebenswillens durch seine Mutter fortgesetzt und die sich daraus ergebende übermächtige narzißtische Wut und Vernichtungsangst erhielten keinerlei Ventil.
Seine Wut und seine Angst waren so groß, daß er sie für sich und seine Umgebung durch ein ›falsches Selbst‹ verdecken mußte. Er entlieh sich dieses aufgesetzte Selbst aus für ihn wertvoll erscheinenden Klischees, an denen er sich bis in seine Pubertät hinein festklammerte, die er jedoch nie in seine eigentlichen Gefühle integrieren konnte. Mit seinem falschen, aus Kinderbüchern und Groschenheften abgeschauten Selbst, mit dieser ausgeliehenen, fremden Sprache, hat er immer wieder verschlüsselte Appelle an wichtige Personen in seinem Leben gerichtet - ihm zu helfen, das heißt, ihn von seinen fürchterlichen Vernichtungsängsten zu befreien. Jürgen Bartsch suchte bis zuletzt nach einem Menschen, bei dem er symbolisch noch einmal hätte auf die Welt kommen können.
Die Höhle, die er schließlich fand, war nicht der Tatort, den er sich gesucht hatte, sondern die einzige Zuflucht, die ihm blieb, als sein eigentliches destruktives, von Angst und Wut erfülltes Selbst übermächtig wurde. Seine psychotische Abwehr kam erst in den Höhlen-Szenen voll zum Ausdruck: hier konnte sich das Ich, wie Sechehaye (5) schreibt, ›in den Dingen selber auflösen‹. Angst und Wut liefen jetzt in einem Verlangen zusammen, das er in seinem Selbstporträt mit der knappen Bemerkung umriß:
›Es sollte alles kaputt sein‹ (a.a.O., S. 172). Er hatte die psychotische Identifikation mit der magischen Allmacht seiner Mutter erreicht und zerstörte alles, um nicht selbst duch alles zerstört zu werden; Laing (6) spricht einmal von der ›Negation des Seins als Mittel, Sein zu bewahren‹. Daß diese Formel sowohl für Jürgen wie auch für seine Adoptivmutter zutraf, machte die besondere Schicksalsverstrickung zwischen den beiden aus.
Jürgen Bartsch suchte sich nun Jungen, die seinem Selbst-Ideal entsprachen und bekämpfte in ihrer physischen Zerstörung mit all seiner Wut, die sich angestaut hatte, die eigene Vernichtungsangst, die er gleichzeitig selbst durchmachte, indem er sich mit seinen Opfern identifizierte; er verzweifelte dabei buchstäblich an seiner eigenen Erbarmungslosigkeit.
Sexualität war bei diesem Kaputtmachen keineswegs die Triebfeder, sondern lediglich ein pars pro totum; die Geschlechtsteile vertraten auf magische Weise die Gesamtpersönlichkeit des Opfers; sie zu besitzen war gleichbedeutend mit einer totalen Verfügung über den anderen. Seine einzige Zuflucht zur ›abnormen Triebhaftigkeit‹ ist ein eindeutiger Hinweis auf seine eigentlichen zerstörerischen Antriebe, die ihn weitaus mehr ängstigten als die Vorstellung, sexuell abartig zu sein.
Die, die Jürgen Bartsch untersucht haben, ahnten, was mit ihm los ist: Die Abwehr ihrer eigenen Betroffenheit bestimmte sein weiteres Schicksal. Er wurde zehn Jahre lang sich selbst überlassen und entschied sich am Ende dieser Zeit für ein Selbstzerstörungsverfahren, das, wie alles in seinem Leben, konsequent zu Ende ging. Auf den gesellschaftlichen und medizinischen Skandal der mißlungenen Operation selbst duch den Arzt Dr. Josef Hollenbeck im psychiatrischen Landeskrankenhaus Eickelborn ist verschiedentlich in der Presse hingewiesen worden, z.B. »Stern«, Heft 21/22, 1976, S. 170f.
Wer Jürgen Bartsch aber hätte behandeln wollen, hätte es in der Tat nicht mit den inneren Konflikten eines Menschen zu tun gehabt; denn dafür fehlten alle Voraussetzungen. Er hätte es mit einem verzweifelten Kampf gegen und um die Realität zu tun gehabt, mit Jürgens ganzen Wut und Angst; seiner Sehnsucht, sich endlich selbst fühlen zu können, ohne sich nicht gleich wieder entsetzt abwenden zu müssen.
Wer Jürgen Bartsch hätte behandeln wollen, hätte für ihn symbolisch eine ›gute, alle Wünsche befriedigende Mutter‹ sein müssen - mehr als eine bloße Übertragungsfigur.

Jürgen Bartsch wurde nicht nur auf das Heftigste von der breiten Öffentlichkeit abgelehnt, sondern offenbar auch von denen, die sich von berufswegen hätten um ihn bemühen sollen. Die einen stießen sich an seinen Taten und die anderen an seinem Krankheitsbild: Jürgen Bartsch scheiterte an den Ängsten und Abwehrmechanismen mit denen Laien wie Nicht-Laien auf seine von Grund auf gestörten Gefühle reagierten; er ist damit zum Symbol unserer eigenen psychotischen Ängste und zerstörerischen Phantasien geworden. In seiner Lebensgeschichte verdichtete sich auf eine für seine Opfer und ihn tragische Weise die sozialpsychologische Realität der Nachkriegszeit und des atemlosen Wiederaufschwungs. Die verbreitete Zurückweisung narzißtischer Bedürfnisse und die Negation des unkontrollierbar Lebendigen durch eine soziale Entwicklung, die auf psychische Entfaltungsbedingungen keine Rücksicht nehmen konnte, drückten sich in ihrer extremsten Konsequenz in der gründlich zerstörten Nicht-Nichtpersönlichkeit von Jürgen Bartsch aus.
Sein sehnlichster Wunsch war es, irgendjemand zu sein und irgendetwas tun zu können, durch das er sich selbst hätte erfahren und lieben können. Aber er konnte diesen Wunsch, der die Kehrseite seines destruktiven Verlangens war, nicht realisieren, weil er zeitlebens und auch nach seinem Tod für die narzißtischen Bedürfnisse anderer herhalten mußte: für die Mutter, die jemanden brauchte, der genauso funktionierte, wie sie es sich ausdachte; für den Erzieher, der ihn verführte; später für die Gerichte, Gutachter, die Presse und die Öffentlichkeit, die sich alle durch ihn von den eigenen Bedrohungen ihres Integritätsgefühls trennen konnten; schließlich für diejenigen, die sich nun mit seinem Fall beschäftigen - mich eingeschlossen.

Am Schluß weise ich noch einmal auf das Selbstporträt des Jürgen Bartsch hin. Viele sollten es lesen, und wenn sie sie dabei erfahren, daß sein Leben nur der radikalste Ausdruck von etwas war, was uns alle betrifft, nämlich Wut und Angst aufgrund früh erlittener und fortgesetzter narzißtischer Kränkungen, dann wird die Wahrscheinlichkeit, daß in Zukunft noch viel mehr ein ähnliches Leben wie Jürgen Bartsch führen müssen, etwas geringer.


Anmerkungen
1 Paul Moor: Das Selbstporträt des Jürgen Bartsch, Frankfurt 1972.
2 Aloys Leber: Rückzug oder Rache, erscheint im Jahrbuch der Psychoanalyse Band IX/1976.
3 Heinz Kohut: Die Zukunft der Psychoanalyse, Frankfurt 1975, S. 233.
4 Maud Mannoni: Das zurückgebliebene Kind und seine Mutter, Otten 1972, S. 9.
5 Marguerite Sechehaye: Tagebuch einer Schizophrenen, Frankfurt 1974, S. 116.
6 Ronald D. Laing: Das geteilte Selbst, 1974, S. 185.


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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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