Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


    home  news   werke   biographie   gespräche   sekundärliteratur   newsletter   gästebuch   dank  




[ Rezensionen ] [ zurück ]





P u b l i k a t i o n e n

Sind wir bald da?






Katastrophen mit Seeblick

in Sind wir bald bald? Reisen mit Kindern. Ein Lesebuch.
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 2002
311 Seiten
ISBN 3-518-39888-1
S. 185-201

Leseprobe

Aber daran erinnerte er sich: wie eines Nachmittags an diesem großen See, der in den Bergen begann und in der Ebene endet, die Welt versank. Er ist fünf und soll seinen Schlaf halten, eine Hand über den Augen, während Gefahren heraufziehen, ein Wettersturz den Tag in Nacht verwandelt, so daß alles an ihm, die Kinderarme und die Kinderbeine, sein ganzer von der Sonne noch erhitzter Körper unter dem Bettuch eines kleinen Hotels am Wasser diesen zu haltenden Schlaf nur vortäuscht.
Die linke Hand (des Linkshänders) wie eine Maske vorm Gesicht, Zeigefinger abgespreizt, hatte er duch den Spalt alle Gefahren erkannt, gesehen, wie Himmel, Berge und See immer mehr eins wurden, ein Block, aber auch, wie die anderen im Zimmer, die beiden, immer mehr eins zu werden schienen an jenem Nachmittag vor vielen Jahren (als in München Olympische Spiele stattfanden, er die Kämpfe, Daumen drückend, verfolgte, bis ein größeres Drama sie unterbrach - Neuerliche Judenvernichtung auf deutschem Boden, wie beide, noch während der Meldung im Autoradio, das Attentat auf die Israelis genannt hatten).
Ein einziges Mal waren sie zu dritt in den Urlaub gefahren, und ein einziges Geräusch konnte das alles auferstehen lassen. Sobald er einen VW-Käfer hörte, dies überhastet Jubilierende beim Gasgeben, als sei dort, im Innersten, ein Schräubchen lose, war da auf einmal die Fahrt über den kahlen Paß und das Immer-milder-Werden der Luft, als sie ins Tal kamen, die fremde Sprache im Radio und ein Streit der beiden: wohin nun; schließlich die Suche nach billigen Betten - billig, wie ihm das noch im Ohr war. Und dann der langgezogene, bewegte See, zwischen schattige Bergfalten und blanke Felswände gezwängt: wenn die nur nicht kippten. Und später diese Freude über das Hotel mit eigenem Strand, das günstige Zimmer mit Blick, die Küßchen von ihr, weil jetzt alles gut war, die Pläne von ihm, was man hier alles tun könne. Er ist fünf und heilfroh.
(...)


Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

[ Rezensionen ] [ zurück ]









   impressum