Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n

Cover "Zimmer frei für zwei"





Der Badeanzug

in Zimmer frei für zwei. Geschichten von der Urlaubsliebe.
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 2003
277 Seiten
ISBN 3-518-39996-9
S. 30-47

Leseprobe

War es ein Montag? Ich glaube, ja.
Ich kehrte meiner Frau den Rücken. Sie hatte sich entkleidet und sah hinaus auf den See. Der See war glatt und grau wie der Himmel, ich kannte den Anblick. Es schien keine Grenze zu geben zwischen Wasser und Luft; was fiel einem nicht alles ein. "Schau mich bitte nicht an", sagte sie.
Ich stand mit dem Gesicht zur Tür, meinen lustigen Hut in der Hand, ohne den ich das Hotel nie verließ. Ja, es war Montag, jetzt weiß ich es wieder - eine Woche vorher war ich fünfzig geworden. Ich hatte alles hinter mir, bis auf das Glück, von dem freilich nicht sicher ist, ob es zum Leben gehört. Was mich sehr ausfüllte, war, in der Schwebe zu bleiben: oft wunderte ich mich, daß ich noch lebte. Es war die Stunde des Spaziergangs, doch nur ich stand bereit. Sie ging auf und ab, das konnte ich hören, vom Nachttisch zur Kommode und wieder zurück. Was dachte sie sich... Sie wußte, daß es an der Zeit war. Und wußte auch, daß ich mich so erst recht nach ihr umschauen würde.
"Träumst du im Stehen?"
"Nein", sagte ich.
Meine Frau, die immer zuerst sprach (ich betonte das später), lachte kurz auf; mir war klar, was sie im Augenblick tat. Sie strich sich mit den Fingerkuppen über den Bauch, sie entfernte etwas Schmutz aus dem Nabel, sie riß sich ein einzelnes weißes Haar aus. Mir war auch klar, was in ihr vorging. Um sich an so einem Tag die Zeit zwischen drei und fünf zu vertreiben, wäre sie bereit gewesen, jede noch so wilde Gunst zu erweisen. Aus freien Stücken hätte sie die Knie an die Schulter gelegt, zum Beispiel. Sie wiederholte ihren Gang. Linkes Bein, rechtes Bein, linkes Bein; und sonst geschah nichts.
Ich rieb jetzt den Türgriff. Wenn sie wenigstens stillgestanden wäre! Von den Gegebenheiten ihres ruhenden Körpers konnten meine Gedanken mühelos abschweifen - zu einer namenlosen, engelhaften Gestalt, von der ich zu träumen begann, wann immer mir das Leben nicht im Wege stand. Ich drückte meine Stirn an die Tür und roch an dem Holz. Eine große Liebe, was ja doch hieß: ein großes Glück, war das einzige, was ich noch vor mir zu haben glaubte. Als gäbe es ein Recht darauf, so verbissen waren meine Träume davon. "Ist denn schon Zeit?" hörte ich meine Frau sagen.
"Es ist kurz nach drei."
"So, Viertel vier bald. Weißt du, was ich glaube? Daß ich dringend einen neuen Badeanzug brauche."
Ich drehte mich um. Es war das Beiwort dringend, das mich dazu bewegt hatte. Sie stand nun am offenen Fenster, leicht über die Brüstung gebeugt, das Knie des einen Beines sanft in der Kniekehle des anderen; kein Muskel war gespannt, auf ihren Hüften lag ein Schimmer. Von hinten hatte ich sie früher nicht ungern betrachtet. Die Beschaffenheit ihrer Hinterseite hatte mir sogar Freude bereitet. Inzwischen belächelte ich das Gesäß meiner Frau. Ich sah durch die Balkontür auf die Liegewiese. "An was für einen Anzug denkst du?" fragte ich und hielt Ausschau nach meinem Boot, wenn es diese Bezeichnung verdiente.
"Ich denke an einen Einteiler."
"Könnte dir stehen."
"Woher willst du das wissen?"
"Reine Vermutung", beeilte ich mich hinterherzuschicken und sah, wie sie den Kopf herumwarf. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, zog sie sich an. Ihre Bewegungen waren heftig. Sie schloß den Büstenhalter, als verdrehte ihr jemand die Arme. Nun, ich war es nicht; ich stellte mir nur vor, was sie dachte. Bestimmt hatte sie es für möglich gehalten, ich würde, anstatt spazierenzugehen, der Trägheit dieses Montags nachgeben und mich für ein, zwei Stunden neben sie legen; sie vielleicht streicheln, so von den Kniescheiben aufwärts, und allem, was zwischen dem einen und anderen Bein klopfte, besondere Aufmerksamkeit schenken. Und aus dieser vorsichtigen Hoffnung wurde schlagartig der Wunsch nach einem Badeanzug. Derartige Wünsche erfüllte ich ihr. Warum nicht. Ich entdeckte mein Boot. Es war aus Gummi und lag ohne Luft da, als könnte es nie wieder fahrtüchtig werden. Ich hob den Blick. Nur selten war der See so vollkommen glatt, und ich stellte mir vor, daß diese weite Scheibe eine einzige Hautfläche wäre, die Haut meines Engels. Ein feines Splittern unterbrach mich in diesem Gedanken. Es waren die Nägel meiner Frau: Sie schloß ihre Knöpfe an Bluse und Rock.
(...)

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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