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P u b l i k a t i o n e n
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Auf Leben und Tod
Minuten im Strudel des Bösen - ein
Schicksalsdrama auf dem Gardasee
Süddeutsche Zeitung, 14.06.1997
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Die folgende Geschichte spielt auf dem Gardasee, der zweifellos schön ist. Aber die wenigsten Gäste des Sees streichen angesichts dieser Schönheit die Segel; die meisten versuchen - ich weiß nicht, warum -, sich mit dem See zu messen. In seinem engen Nordteil messen sie sich mit dem wechselnden Wind zwischen den Bergwänden, im Süden dagegen mit seiner Weite, die es, in schneller Fahrt, zu überwinden gilt; der sich immer mehr öffnende und im Dunst scheinbar endlose, bei glattem Wasser schon beinahe phlegmatische Südteil ist für viele schwerer zu ertragen als der zugige, oft wolkenverhangene Norden. Mich reizt weder das eine noch das andere.
Ich liebe den Beginn der südlichen Weite, nach der allmählichen Abstufung vom Hochgebirge zu steilen Hängen und länglichen Buckeln, aber noch vor den Hügeln des Weins: wenn die Präzision der Felsen längst verschwunden ist im irrtierenden Silberrauch der Oliven, doch schließlich in anderer Gestalt wiederauftaucht - in steilen Zypressen, die zu beiden Seiten des Sees sein Auseinanderdrängen nach Süden flankieren, dort eine eigene Landschaft aus erhobenen botanischen Fingern bilden, eine Landschaft mit fließender Grenze zwischen Hartem und Weichem, zwischen Wachheit und Schlaf, eine schmale, besonders am Westufer ausgeprägte Zone des Übergangs, die, von jeher, für den Geist ihre Anziehung hatte, ob für Dante, den politisch bedrängten, oder Goethe, den Italiensucher, für D. H. Lawrence, in privater Bedrängnis, oder D'Annunzio in seiner Weltflucht. Eine nicht klar umrissene, gleichsam schwebende Landschaft von schon gefährlicher Attraktivität, gefährlich durch eine Versammlung von Schönem, die sich im Sommer immer mehr zusammenschließt und am Ende geradezu ballt, in den Nächten des August mit ihren fallenden Sternen, schneller als jeder Wunsch, und einem beunruhigenden roten Mond, fernem Wetterleuchten, das von Nacht zu Nacht heftiger wird, und großen, seidigen Faltern, todgeweiht wie der Sommer; eine Ballung, die einen, wie unter Zwang, an ihr Gegenteil denken läßt: an die endgültige Abwesenheit alles Schönen, an das eigene Erlöschen.
Die Pracht des Sees, sie ist nichts - nicht mehr als der intime Flicken über einer Kerbe in den Kalksedimenten eines früheren Meeres. Gewaltige Eismassen haben die Kerbe zwischen die Berge geschnitten, ein Jahrhunderte währendes Schauspiel, ohne jegliches Publikum, wie man vermuten darf, eine menschenfeindliche Geburt. Es gibt keinen tieferen See in Europa; auf dem stockfinsteren Grund, in der Mitte der Kerbe, ist das Wasser seit Urzeiten dasselbe; der See hat sich dort etwas von seinem tödlichen Anfang bewahrt. 346 Meter darüber trieben wir, nackt, auf einem Boot. Wir waren zu dritt: ein Filmregisseur, eine Filmschauspielerin und ich. Unser Boot, aus weichem Kunststoff, war klein; die darin eingeschlossene Luft hielt uns gut über Wasser, drei Erwachsene und ein Motor mit sechs Pferdestärken.
Wir überquerten den See bei Pai in Richtung Gardone, also nicht auf dem kürzesten Weg, sondern schräg - eine Strecke von gut 15 Kilometern zwischen dem Ostufer mit seinen steil ansteigenden Olivenwäldern und den alten Zitronenterrassen unterhalb schroffer Wände auf der anderen Seite; erst etwas südlich der Windgrenze, auf der Höhe von Torri, scheint sich die Bergwelt längs des Sees gleichsam erschöpft zu haben; ihre Ausläufer, schon mit Zypressenkämmen (aus der Ferne: eher kleine Federkiele als erhobene Finger), gehen über in die hügelige Veroneser Landschaft. Die Sonne schien mild, über dem anderen Ufer hing eine Schleppe aus Dunst; manchmal schrie eine Möwe. Leider, muß ich sagen, war es ein prächtiger Gardasee-Tag.
Unser luftgefülltes Boot (das mir gehörte) hatte eine Besonderheit, verursacht durch nächtlichen Sturm und einen abstehenden Bolzen in der Uferbefestigung: Es hatte, seitlich am Heck, ein fingerdickes Loch, über dem sich mehrere Flicken befanden, ich glaube, vier oder fünf, was nichts daran änderte, daß nach wie vor - als wir so dahintrieben in der Mittagsruhe, auf beinahe glattem Wasser - ein mückenhaft dünner Ton aus der Gegend des Lochs zu hören war, oder, je nach Lage des Bootes, winzige Blasen am überspülten Rand des Flickens hervortraten, was aber bei der geringen Luftmenge, die (aus einer von zwei großen Kammern) entwich, keineswegs eine Gefahr bedeutete, sondern nur hieß, daß dieses Loch eben nicht völlig dicht, also restlos aus der Welt geschafft war - es blieb, strenggenommen, ein Loch. Und genau dieses Faktum, das mit den Fakten des Luftentweichens und damit der Bootssicherheit wenig zu tun hatte, wurde für einen von uns, die Schauspielerin, unerträglich. Als habe sie die ganze Zeit über an nichts anderes gedacht, rief sie auf einmal, sie wolle nicht warten, bis der Druck in der Kammer den untersten Flicken und damit alle übrigen absprengte, wie sie das nannte, und nahm auch schon das Messer, mit dem wir eine salame picante unter uns dreien aufgeteilt hatten, bohrte seine Spitze unter eine Kante der Flickenschicht, hob diese etwas an und riß alle vier oder fünf Flicken mit einer einzigen, erschreckend mühelosen Bewegung herunter.
An der Stille des Sees oder seiner Landschaft zu beiden Seiten änderte sich in diesem Moment nichts. Es war dem See sozusagen gleichgültig, ob unser Boot auf ihm trieb oder in ihm versank - ein Gedanke, nebenbei gesagt, der mich an einen Fernsehfilm über den See erinnerte, den ich am Jahresanfang gesehen habe. Ein in vielem lobenswerter Beitrag, mit überraschenden Einblicken, ein Film auch über die am See begangenen Sünden (etwa Motorbootfahren), der aber eine immer wiederkehrende, heimliche Devise enthielt: Der See möge denen gehören, die dort schon vor einiger Zeit (also noch rechtzeitig) ein altes Haus erworben und liebevoll restauriert haben oder mit ihrem Geld auch heute noch ein echtes altes Haus in Besitz nehmen können, was sie dann liebevoll (wie sonst?) instandhalten; der See aber möge doch, endlich und künftig, von denen verschont bleiben, die (gemessen an den Verhältnissen rund um den See, aber auch an seiner großen Geschichte und Schönheit) wenig haben und sich mit diesem Weniger folglich nur in einem häßlichen Appartementhaus ein häßliches Appartement leisten können, bestenfalls ein Reihenhaus in einer Reihenhaussiedlung, für die ein ganzer Olivenhain fallen muß; letztere sollten, wenn schon, ins Hotel gehen, was aber auch nicht so gern gesehen werde, da es sich um neue und darum billige, häßliche Hotels handele. Am besten, diese Leute kämen nur für einen Tag und blieben im Norden des Sees, um zu windsurfer, oder sie kämen gar nicht, was auch die Straßen entlasten würde, und schauten sich statt dessen den Film an ...
Mir mißfiel diese heimliche Devise, ja, sie stieß mich sogar ab, da sie im Grunde auf Plutokratie hinausläuft - zur Ungerechtigkeit der Natur bei der Verteilung der menschlichen Schönheit käme ein zweites, ebenso großes Unrecht, wenn die Menschen als Betrachter von erhabener Natur nicht mehr gleich wären, ihnen komplette Landstriche, wie teure Lokale, verschlossen blieben, nur weil sie sich dort, wie es Menschen (mit geringen MItteln) nun einmal tun, unschön ausbreiten. Aber wahrscheinlich kotzte mich die klug versteckte Botschaft auch an, weil ich selbst zu jenen Nachzüglern zähle, denen Olivenbäume zum Opfer fallen - jenen, die nicht das Privileg genießen, ein altes, wie auch immer erworbenes Haus liebevoll zu hegen, sondern bloß in der Lage sind, mit ameisenhafter Anstrengung (durch das Schreiben von Drehbüchern) eins im alten Stil nachzubauen, sich also mit Tricks, wenn man so will, an den See heranschleichen ...
Die Luft entwich in einem einzigen, langen Schwall aus der hinteren Kammer, der Außenbordmotor sank augenblickllich unter Wasser, und das Vorderboot wäre steil nach oben gegangen, hätten wir uns nicht alle dorthin geworfen. Es waren mehr oder weniger logische Abläufe, die keines Kommentars bedurften, und so sagte ich in diesen Sekunden auch nichts, während der Filmregisseur (und Produzent) die Schauspielerin (die an meinem Drehbuch mitbastelte) anschrie, weshalb sie das getan habe, worauf sie zurückschrie, daß es im Leben wie im Kino sei: Einer müsse immer das Böse spielen. Und in dem Fall, schrie sie, bin ich es!
Ihre vorausgeschickte Erklärung, sie wolle nicht auf das Abplatzen oder Abgesprengtwerden der Flicken warten - also die Katastrophe lieber gleich selbst herbeiführen und damit den Zumutungen des Lochs schlagartig ein Ende setzen -, zählte für den Regisseur offenbar nicht, als sei ihm dieses Argument vollkommen fremd, während es mich, trotz aller Unvernunft im Hinblick auf die Folgen, dadurch ansprach.
Aber nicht nur ein Unbehagen am Flickwerk war die Ursache für unsere Lage; der Vorfall hatte wohl auch mit uns dreien zu tun, im engeren Sinne, mit den Beziehungen in dem nunmehr halb gekenterten Boot. Noch vor einem Jahr hatte jeder den anderen nur dem Namen und Bild nach gekannt, ein Zustand allgemeiner gegenseitiger Wertschätzung und Unschuld, bis uns ein Rohdrehbuch, von mir verfaßt, über Nacht an einen Tisch brachte und Regisseur und Schauspielerin alsbald mit ihren Ideen auftrumpften. Die beiden waren damals noch eine Art Paar, das sich ein Stück Liebe bewahrt hatte, während sie jetzt, in dem Boot - oder dem, was vom Boot noch aus dem See ragte -, eindeutig als Ex-Paar auftraten, das nichts von seinem Haß aufzugeben bereit war. Der Regisseur (etwas älter als ich und dabei weniger bekannt) packte die Schauspielerin (etwas jünger als ich und bekannter) an ihren hübschen weißen Armen und schrie: Die Nummer hatten wir auch schon!
Nach diesem Satz, der uns nicht weiterbrachte, im Gegenteil, sprang ich ins Wasser, das Boot zu erleichtern, und hier muß ich die Jahreszeit erwähnen: den Frühsommer, der einem, wie keine andere Jahreszeit, die Pracht dieses Sees vor Augen führt, während der See als solcher, auch an seiner Oberfläche, noch keine fünfzehn Grad hat, was sich, bei Sonnenschein, rasch ändern würde, aber eben gegenwärtig umfassend zutrag, so sehr die Glieder und den Atem lähmend, daß kaum Aussicht bestand, das eine oder andere Ufer schwimmend zu erreichen, zumal da an einem gewöhnlichen Frühsommer-Montag gegen zwölf rund um den See doch in irgendeiner Form gearbeitet wird, die Einheimischen jedenfalls selten Motorbootfahrten oder Segelpartien unternehmen. Die weite Wasserfläche war - bis auf ein fernes, unter dem Dunstband über dem Westufer fahrendes Linienschiff, seiner panzerhaften Gestalt nach die Brennero - wie leergefegt.
Die Schauspielerin schrie jetzt wieder, allerdings keine Sätze mehr - sie schrie einfach so, dies aber gekonnt, was zeigte, daß sie eben von Haus aus Schauspielerin war, sogar in Notlagen noch ansprechend schrie, sich jedoch mehr Geltung zu verschaffen hoffte, indem sie ganze Szenen aus dem Täschchen zog, die ihre Person in ein günstiges Licht stellten. Sie schrie, nahm ich an, weil ihr empfindlicher Unterleib auf einmal im Wasser hing - das Gewicht von Motor und Tank hatten das halbe Boot nach unten gezogen; der Bug ließ sich nur noch als Rettungsring nutzen.
Überraschend (für mich selber) war eigentlich nur meine Ruhe. Ich wußte, daß die Schauspielerin lange nicht so gekonnt schwamm wie sie schrie - und die Flicken wohl letztlich in einem dramatischen, also eitlen Akt, ohne jegliche Weitsicht, heruntergerissen hatte -, und ich wußte, daß der Regisseur zu unmittelbar am Leben hing, um mit Verstand darum kämpfen zu können, und ich dachte in diesen Sekunden ihres wirklich unangenehmen Geschreis, daß mir ein von uns dreien in diesem Frühsommer geschriebenes Buch - nach meinem Rohentwurf, aber weitergeführt durch Ideen des Regisseurs, ich gebe es zu, und zwei, drei guten Szenen nicht von mir, sondern von ihr, auch das gebe ich zu - gleichsam in den Schoß fiele, als besäße ich, über die eigene Begabung hinaus, noch die des Regisseurs und die der Schauspielerin. Es war bloß ein kurzer Gedanke, mehr ein inneres Blitzen, während in einiger Ferne die Hauptinsel des Sees, mit ihren steilen Gewächsen und Zinnen oft an eine Fieberkurve erinnernd, hinter sonnendurchbrochenen Schleiern auftauchte, ein Streifen Land, den, schwimmend, zu erreichen ich mir noch zutraute - ein privates Paradies, das einst von Karl dem Großen (man weiß nicht, wie er dazu kam) der Abtei San Zeno geschenkt worden war, wonach dort Einsiedelei und Kloster entstanden, bis die Insel durch eine Heirat der Duchessa de Ferrari mit dem Fürsten Scipione Borghese aus den Klauen der Römischen Kirche überging in die einer gewiß nahmhaften, aber doch gewöhnlichen Familie, welche bis heute, mit Erfolg, jedes Betreten ihres Privatreichs verbietet - was den oben erwähnten Urheberrechtsfall gewiß zur Lapalie machte ...
Ich schwamm um meine zwei, mit den Füßen im See zappelnden, sich an den Wulst der vorderen Luftkammer krallenden Freunde oder was sie waren langsam herum und bemerkte eine plötzliche Angst in den Augen des Regisseurs: die mehr war als bloße Angst; ich hatte so etwas zuletzt als Schüler gesehen, in den Augen eines wirklichen Freundes, der die mythische Grenzen vom Knaben zum Mann überschritt, und jetzt sah ich es wieder: dieses Schaudern beim Erreichen einer neuen Grenze, vom Mann zum toten Mann. Ich empfand kein Mitleid. Nein, ich überlegte sogar, wie ich unbemerkt an das zweite Ventil herankäme.
Im Grunde kennen die meisten Leute, ich ganz bestimmt, das Böse in sich und werden schon dadurch etwas besser, als sie nach allgemeiner Ansicht sind - dieser Gedanke, der mir erst etwas später kam, hätte meine Skrupel sicher verringert und die Geschichte nicht noch schlimmer werden lassen; zu dem Geschrei der Schauspielerin kam nun auch das des Regisseurs, der nicht etwa um unseren geplanten Film fürchtete, sondern allein um sein Leben.
Ich weiß nicht mehr genau, was er im einzelnen schrie, ich weiß nur, daß ich mich von dem Geschrei entfernte, mit großen Zügen ein Stück davonschwamm - angeblich, wie ich über die Schulter zurückrief, um Hilfe zu holen, was absolut lächerlich war, wenn man den Blick kreisen ließ, tatsächlich jedoch, um endlich Ruhe zu haben, eine Ruhe, wie in meinem ersten Sommer am See, noch mit den jungen Eltern, kurz vor ihrer Scheidung, nachdem ich mich mittags, kaum daß im Zimmer die Jalousie heruntergegangen war, allein ins Wasser gewagt hatte - eine Hand auf der Luftmatratze, die andere in meiner schwarzen, elastischen Hose, den Blicken der wenigen Gäste mit ihrem Duft nach Niveacreme, ja überhaupt der Welt entzogen , in gleichsam himmlischer Ruhe hinaustrieb.
Erst nach einer Weile schaute ich, mehr aus Neugier, wieder zum Boot. Das Gewicht von Motor und Tank hatte nun auch die vordere Luftkammer ein gutes Stück unter Wasser gezogen; Regisseur und Schauspielerin waren schon bis über die Rippen im See. Wer rettet wen, darum ging es jetzt wohl.
Ich hatte eigentlich keine Lust, die beiden zu retten, was neben der Urheberrechtssache vor allem daran lag, daß meine eigene Rettung damit unwahrscheinlicher wurde; andererseits wollte ich später auch nicht als jemand dastehen, der seine Bekannten ertrinken läßt. Es war schwierig, keine Frage. Ich merkte, wie meine Kräfte nachließen, mein Atem immer kürzer wurde - entweder schwamm ich um mein Leben oder ich opferte den Motor (gerade gekauft, für drei Millionen Lire), den unter Wasser abzuschrauben mich freilich die letzten Kräfte kosten würde. Das alles schoß mir durch den Kopf und ergab eine einfach, in dieser Gegend jedoch ungewohnte Formel, nämlich leben oder sterben.
Mit kurzen, schnellen Zügen, wie ein ins Wasser geworfener Hund, schwamm ich wieder zum Unglücksort und ließ meiner Wut über die Lage - der Motor schien mir verloren - freien Lauf, vor allem gegenüber der Schauspielerin, die es fertigbrachte, nach ihren längst untergegangenen Kleidern zu suchen. Ich brüllte sie an, wobei sie mir augenblicklich fremd wurde; ein einziges Mal hatten wir, glaube ich, zusammen geschlafen, in einer Art Nacht-und-Nebel-Aktion, nachdem sie in einem Berliner Hotelzimmer die ersten Sätze zu ihrem Vorteil in mein Drehbuch gedrückt hatte und ich mir dafür wortlos eine Gegenleistung abzwackte, so muß man es wohl nennen, wenn man die körperliche Liebe auf ihren Kern beschränkt, einen mit Küssen vertuschten Handel.
Ohne diese Verrücktheiten, brüllte ich, diesen Knall, Flicken von einem Loch zu reißen, wären wir drei jetzt, trocken und friedlich, kurz vor Gardone, um dort Mittag zu essen und später die D'Annunzio-Villa zu besuchen, und sie brüllte zurück, daß ich versucht hätte, für die in meinem Drehbuch nur angelegte, von ihr aber überhaupt erst mit Leben erfüllte Rolle eine andere, jüngere und geilere Schauspielerin ins Gespräch zu bringen - jetzt, da sie mit mir im Bett gewesen sei: was alles Dreck war - wie sie noch, zitternd vor Kälte, hervorstieß: ein einziger Hotelzimmerdreck!
Meine Bereitschaft, die beiden zu retten, erreichte durch diese Lüge ihr Minimum, auch weil der Regisseur sofort die Partei der Schauspielerin ergriff (die ich im übrigen nicht, um das am häufigsten gebrauchte Wort dieser Geschichte ein weiteres Mal zu verwenden, als schön bezeichnen möchte, sondern höchstens als flott, wobei leider keine unserer neuen deutschen Filmschauspielerinnen wirklich schön ist, ich meine, mit einer tragischen Verantwortung für ihr Gesicht). Er nannte mich Sau, der Regisseur, woraufhin ich ihn, immerhin präziser, verlogene Sau nannte: Denn nicht ich, sondern allein er habe ja den Gedanken geäußert, ob nicht eine andere, jüngere für die Rolle geeigneter sei.
Diese letzte Bemerkung war mir, unter dem Druck der Ereignisse, herausgerutscht, und ich hätte sie, vielleicht, noch zurücknehmen können, wäre nicht ihr Wahrheitsgehalt auf der Stelle bekräftigt worden, indem der Regisseur mit der flachen Hand nach mir schlug. Er traf mich am Mund, meine Lippe sprang auf, und spätestens von diesem Moment an wäre es für jeden von uns dreien sicher das Beste gewesen, als einziger zu überleben, oder, zweitbeste Lösung, mit den beiden anderen unterzugehen, qualvoll, doch mit Aussicht auf ein Ende der Situation (dem sichtbaren Platzen eines Traums, auf den ich beschämt zurückblicke, des Traums vom gemeinsamen Film, des einzigen, was in diesem Geschäft kein Geld kostet). Doch es sollte ganz anders kommen, so anders, daß Europa, wie der Regisseur gern sagte, Europa und der europäische Film, nun eben um einen solchen Film ärmer ist, ohne um eine Tragödie reicher zu sein.
Die Schönheit des Sees an diesem Tag und in jener Stunde hatte schließlich doch dazu geführt, daß jemand, anstatt zu arbeiten, in sein Segelboot gestiegen war; lautlos hatte sich dieses kleine Boot genähert, und als plötzlich ein Ruf übers Wasser kam, noch dazu in unserer Sprache, wir sollten durchhalten, durchhalten, da hätte mein Schrecken nicht schlimmer sein können - wir hatten die besten Voraussetzungen für ein starkes Ende gehabt; so war einfach nur alles aus.
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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