Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Ü b e r   B o d o   K i r c h h o f f


Fakt ist, dass die Liebe nicht in Fakten spricht
Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange über ihr Vorbild Bodo Kirchhoff

Oft laufe ich im Traum durch Lissabon, in Staub und Hitze bin auf der Suche nach meinem Hotel. Habe ich es gefunden, trete ich ein, melde mich an der Rezeption. Die Angestellten begrüßen mich. Obwohl ich ihre Sprache nicht verstehe, ist klar: Ich gehe ihnen auf die Nerven. Dennoch fahre ich mit dem Aufzug nach oben. Kurz bevor ich mein Stockwerk erreiche, werde ich zu schwer für das Gerät, die Fahrstuhldrähte drohen über mir zu reißen. Gerade schaffe ich es noch, die verkeilten Türen aufzustemmen, mich durch den schmalen Spalt zu quetschen, bevor der Kasten polternd in die Tiefe stürzt. Ich taumle den Gang hinunter, in meinem Zimmer liegt eine
nackte, tote Frau im Badewasser. Mutig gehe ich näher heran, erkenne: Das bin ja ich! Ich renne wieder die Treppen hinunter, zurück zur Rezeption. Ich schreie, rufe. Sie verstehen mich nicht.

Letzte Nacht tauchte unerwartet Bodo Kirchhoff auf ... Ich träumte, er habe mich eingeladen. Nicht nach Hause, sondern in eine große leere Halle. Da stand er, ich ging auf ihn zu, freute mich, wollte das Gespräch beginnen: "Ich bin eine große Bewunderin von Ihnen." Doch bevor ich den Mund aufmachen konnte, wachte ich auf. Das war klar, in seinen Büchern ist gerade das Gespräch zwischen Mann und Frau schier unmöglich, egal ob einer von beiden aus Portugal stammt oder, wie in seinem neuen Roman "Wo das Meer beginnt", sich zwei deutsche Lehrer in Lissabon ein Pensionszimmer teilen. Unerreichbar scheint mir Bodo Kirchhoff jetzt erst recht.
Sogar auf manchen Autorenfotos lugt er nur geheimnisvoll hinter einem Theatervorhang hervor, um gleich wieder zu verschwinden, käme man ihm zu nahe. So gesehen bin ich ihm letzte Nacht zumindest ein wenig näher gekommen, bis auf ein paar Schritte.

Auf der anderen Seite bin ich auch wieder froh. Das mit der "großen Bewunderin" hätte es nicht ganz getroffen. Es ist viel mehr. Seit der "Mexikanischen Novelle" oder "Die Einsamkeit der Haut" oder "Gegen die Laufrichtung" empfinde ich ihn, was mein Schreiben anbelangt, als Lehrer. Seine Bücher zeigen mir, wie nah ein Autor dem Leser seine Romanfiguren bringen kann, wie nah sich dadurch der Leser selbst kommt. Bei Kirchhoff geht es nicht um die Geschichte. Es geht um das innere, unaussprechliche Drama, die Erkenntnis, sich nicht mit jemandem auf der Ebene einer gemeinsamen Sprache verbinden zu können: "Wie auch sonst hatte ich ein Gefühl des Alleinseins, aber jetzt ging es noch darüber hinaus. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, dass es noch jemanden gäbe, der selbst bei einem so einfachen Wort wie Zimmer das Gleiche vor Augen hätte wie ich." - aus "Mexikanische Novelle". Der innere Monolog der Protagonisten steht dem Leser zur Verfügung, als Chance, sich mit dem Erzähler zu verbinden. Bodo Kirchhoff eröffnet uns einen Raum, eine Spiegelzelle: blank polierte Spiegel, beleuchtet durch sehnsuchtsvolle Projektionen. In der Mitte steht der Leser, dreht sich im Kreis, saugt auf, was er da sieht, setzt alles in einen neuen Zusammenhang, um sich das Unbegreifliche doch noch begreifbar zu machen: den Vorgang des Lebens.

Kürzlich entnahm ich einer Rezension, dass bei anderen Lesern das Bedürfnis nicht vorhanden ist, in diesen Raum hineinzutreten. Das liegt nicht am Erzähler oder am Erzählten. Denn den Zustand von Einsamkeit oder innerer Verlassenheit kennen wir alle sehr genau. Eher ist es das Bedürfnis nach äußerer Aktion. Die Auseinandersetzung mit sich, mit dem Leben, ist vielleicht nicht mehr gewünscht. So meint der Leser: "Der Klappentext zu "Parlando" hat mir viel versprochen, sodass ich nicht lange überlegen musste, dieses Buch zu kaufen. Nach dem Lesen der ersten Seiten wurde es mir jedoch zu viel. Der Schreibstil passt nicht zu der doch sehr guten Geschichte. Ich habe es bisher noch nicht erlebt, dass eine Geschichte durch die Eintönigkeit der Erzählweise so kaputtgemacht wird." Das ist eben genau das Dilemma von Bodo Kirchhoffs Figuren. Alle Welt will Fakten haben. Fakt ist, dass die Liebe nicht in Fakten spricht. Dahinter liegt immer das Nichtmessbare, Unaussprechliche, die Einsamkeit.

Diese Tatsache war für seine Protagonisten immer schwer zu akzeptieren, darum kühlen sie sich innerlich ab. Geben sich auf. Nur die körperliche Ebene bleibt ihnen, um für einige Minuten die Illusion entstehen zu lassen, doch etwas Gemeinsames zu teilen. Im wahrsten Sinne des Wortes nehmen sie sich ihre Gegenüber. Dringen ein, wühlen in ihnen herum, um aus ihnen das herauszuholen, was sie suchen: Verständnis, Nähe, Wärme. Doch sie spüren nichts, zu weit haben sie sich in sich selbst zurückgezogen. Es ist eben der ernüchternde, sexuelle Akt. Danach die gründliche Reinigung. Nichts soll vom anderen am Körper kleben bleiben. Meistens ist ein
Waschbecken im Raum vorhanden. In Bodo Kirchhoffs letztem Buch "Wo das Meer beginnt" taucht der alte Lehrer Branzger auf. Er nimmt sich des Schülers Viktor an, als dieser auf Grund einer Falschaussage seiner Freundin von der Schulleitung beschuldigt wird, das Mädchen im Keller des Hölderlin-Gymnasiums vergewaltigt zu haben. Immer wieder treffen sich die beiden, ihre Beziehung wird enger. Dennoch ist sie von Distanz geprägt, der Achtung vor dem anderen. Erzähle mir, wie es wirklich ist. Es ist nun mal einzig die Sprache, die uns verbinden kann. Mit deren Hilfe wir uns ausdrücken können. Sagen können, wer wir sind, forschen können, ob es in
unserem Gegenüber so ähnlich aussieht. Wichtig ist, dass wir jemanden finden, der unsere Sprache versteht. Das scheint schwer. Viktor hat diesen Menschen gefunden. Seinen sterbenden Lehrer Branzger: "So sehr, dass ich gewissermaßen seiner Wege ging, wie ich auch seine Sprache sprach." Branzger lebt in Viktor weiter, gibt ihm die Stärke, die Einsamkeit zu ertragen. Durch Akzeptanz.

Das Schreiben, die Sprache helfen, sich selbst zu finden.

Ich habe Bodo Kirchhoff in Frankfurt getroffen. Ein junger, sehr herzlicher Mann.

Alexa Hennig von Lange
(www.alexahennigvonlange.de)
in: Welt am Sonntag, 03.10.2004.


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin
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