Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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P u b l i k a t i o n e n

Akzente Heft 4/1980


Die Unnatürlichkeit der Lust


in Akzente. Zeitschrift für Literatur
Carl Hanser Verlag, München 1980
Heft 4/August 1980, S. 356-361


Kaum was los, also Sonntag; Europawahl glaube ich. Ziemlich schwül und früher Nachmittag, wo sowieso alles tot ist. Ich stehe Ecke Moselstraße/Niddastraße unter einem CDU Plakat. Halte Ausschau wie immer, aber es tut sich nichts. Schließlich laufe ich weiter - und stoße fast mit jemandem zusammen. Schaue - und denke im ersten Moment: eine seltsame Person.
Ich spreche sie an, weil die Gelegenheit günstig ist - niemand in der Nähe - auf meine übliche Tour, mit einem einzigen Wörtchen, und die Person geht darauf ein. Sieht mich an und sagt, wobei sie ihre Brille abnimmt und Stäubchen von den Gläsern bläst: Absolut kein Bedarf.. Das verblüfft mich, denn ich habe mit allem anderen gerechnet; wer hier so stromert, am frühen Sonntagnachmittag, sagt doch nicht sowas - und ich weiß nicht, was ich einem Menschen dieser Art entgegnen soll. Das kommt vor, sage ich, weil es mir so einfällt und setze noch hinzu, um wenigstens irgendeine Überlegung zwischen die Person und mich zu schieben: Von Fall zu Fall..., worauf sie kurz die Augen schließt und meint: Du, es gibt auch Unfälle, oder?
So ein Menschentyp ist mir noch nie begegnet. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? frage ich zurück, und sie, die seltsame Person, meine neue Bekanntschaft, fängt plötzlich an zu flüstern: Alles hat das eine mit dem anderen zu tun... Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Können wir nicht normal miteinander reden? bitte ich sie. Aber nicht hier... an dieser Ecke. Ich kenn eine Pension in der Nähe, da können wir reden... Und wo ist das? möchte ich wissen, denn ich traue diesem Menschen nicht. Die Main-Pension in der Elbestraße, raunt er mir zu - und wir brechen auf. Bummeln ohne Eile, als gehörten wir zusammen und gingen hier völlig ziellos.
Die Main-Pension liegt oberhalb von der Apollo-Bar. Es gibt dort Unterkunft für jeden, auch für Exoten. Meine Bekanntschaft handelt an der Rezeption, eine Person ohne Hemmung; sie läßt sich einen Schlüssel geben, und wir steigen nach oben, in den zweiten Stock. Das Zimmer liegt zur Straße hin. An den Bettbezügen fällt nichts auf. Um etwas gegen die Hitze zu tun, öffne ich das Fenster - und schaue. Schaue in die Wohnung gegenüber, wo jemand ebenfalls am Fenster steht, aber nackt. Ein junger Mann mit einem schwarzen Oberlippenbärtchen, einem Mausgesicht und grauen Schläfen. Und weiter hinten in dem Zimmer, auf einer Couch, im Halbdunkel, knieend, eine junge Frau - auch nackt, wie mir scheinen will. Vielleicht ist ein Geschlechtsverkehr in Aussicht, denk ich mir und ziehe mich ein Stück zurück, um nicht selber gesehen zu werden. Meine Bekanntschaft hat sich hingelegt. Ich wende mich ihr zu und frage: Fehlt dir was? - und sie zieht sich die Schuhe aus und nickt. Aber du bist doch nicht krank? Sie schüttelt den Kopf. Keine Angst, mir fehlt nur was. Das ist wirklich alles.
(...)


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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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