Die Liebe - ein Kleinkind
Bodo Kirchhoff, einer der wichtigen Gegenwartsschriftsteller der Bundesrepublik, hat seinen Stil gewechselt. Die fesselnden Reisen in die Tiefen oder Untiefen der menschlichen Psyche, von denen vor allem seine Romane bis "Infanta" (2001) handelten, tritt er in der alten, fast schonungslosen Erkenntniswut nicht mehr an. Kirchhoff ist als Erzähler leichthändiger geworden. Allerdings ohne sein weit gediehenes Interesse an der Psycho-Logik zu verleugnen.
In seiner neuen Novelle "Der Prinzipal" braucht er seinen Figuren nicht mehr gleichsam in den Brustraum zu kriechen, um zu schildern, wie sie funktionieren. Der Blick von außen auf sie reicht vollkommen. Nicht zufällig ist es der Blick durch die Kamera, der schon im Vorgängerbuch, dem Roman "Die kleine Garbo", eine leitmotivische Rolle gespielt hat. Hier ist es der 18-jährige Enkel vom titelgebenden Prinzipal, der sich mit dem Camcorder scheinbar die Welt vom jungen Leibe hält.
Er filmt auf Schritt und Tritt einen smarten, gebräunten, gut gebauten Mittsechziger in Badehose, der am Tag des Novellen-Geschehens seinen Geburtstag feiert. Alles geht dem erfolgsgewöhnten Unternehmer leicht von den Lippen, er findet knappe, pointierte Sätze auch noch für das Gescheiterte in seinem Leben, für seine Ehe, seinen Karriereknick.
Manchmal unterbricht er seinen selbstverliebten Redefluss an Bord seiner Motorjacht und richtet von oben herab Frageattacken an den Sohn seiner Tochter, den "lieben Vigo". Du rauchst? Trinkst Du? Liest Du? Du hast doch eine Freundin, oder? Was tust du überhaupt? Vigo schweigt meistens und filmt, Ausdruck seiner Haltung, noch nicht wirklich gefragt zu sein. Bis sich der berühmte Wendepunkt jeder Novelle ereignet und sich das gemessene Erzähltempo atemberaubend beschleunigt. Während der Großvater schwimmt, fischt Vigo eine halb ertrunkene Surferin aus dem italienischen See. Er verliebt sich, vor laufender Kamera. Aus dem Beobachter wird der Beteiligte. Und handeln heißt verstrickt sein, schuldig werden, ganz wie beim Prinzipal.
Vigo verrät seine erst Liebe an die kühl kalkulierende Vernunft des lebenserfahrenen Älteren. Doch der Verrat fordert Rache in seiner wunden Seele und findet die Achillesferse des Prinzipals. Die Lektion dieser meisterlich leichten und doch vielschichtigen Novelle: Die Liebe ist nicht so großherzig, wie Erwachsene gern glauben. Sie bleibt oft ein extrem empfindliches, schlechte Behandlung nachtragendes und manchmal ungezähmtes Kleinkind.
Christine Adam
in: Neue Osnabrücker Zeitung, 22.03.2007.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
|