Mehr breit als dicht
Über eine lebenslang ungeklärt schwebende, "ruhelos ruhende" Freundschaft hat Bodo Kirchhoff seinen neuen Roman "Eros und Asche" geschrieben - ein mutiges, aber auch ein riskantes Unterfangen. Für das die Vergegenwärtigungskraft des versierten Schriftstellers nicht recht reicht, um klarzumachen, dass eine persönliche Beziehung als Stoff so ergiebig sein kann wie einer der hoch verdichteten früheren Romane Kirchhoffs ("Infanta", "Parlando" oder "Wo das Meer beginnt").
Zumal die intensivsten Phasen dieser Freundschaft in den Schuljahren lagen und "das spätere Leben diese Zeit überschrieben hat", so der Autor. Aber die "alten Buchstaben" scheinen noch durch. Und so sortiert der Ich-Erzähler, unschwer als Kirchhoff zu erkennen, sein eigenes, aktuelles Leben sowie die Erinnerungen und assoziativen Anknüpfungen an M., wie er den Freund fast bis zum Ende verschlüsselt.
Spektakulär ist nicht, was Michael und der Erzähler miteinander erlebten. Immerhin haben sie in der Internatszeit einen nur für Turnschuhe zu hohen Berg bestiegen oder sich heimlich mit zwei Apothekerstöchtern amüsiert, wovon die eine schwanger wurde. Nein, Kirchhoff versucht, das Geheimnisvolle, Verschlossene, auch Selbstzerstörerische des Freundes zu ergründen. Im Nachhinein - denn Michael hat sich zu früh zu Tode geraucht. Und der Erzähler wandelt im Bewusstsein eines Versäumnisses auf dessen Lebensspuren.
Denn Michael wollte in den merkwürdig unvermittelten Aufwallungen alter und neuer Verbundenheit stets haarklein teilhaben an den Erlebnissen und Reisen des mittlerweile prominenten Autors. Um wieder monatelang oder mehr wegzutauchen in seine Berliner Existenz als Arzt und bald gesundheitlich angeschlagener Arbeitsloser mit Gefährtin.
Natürlich ist dieser Freundschaftsroman auch eine Liebesgeschichte. Keine physisch definierte, sondern die einer starken Anziehungskraft zweier polarer Persönlichkeiten. Fast scheu und zart umkreist der erfolgsgewohnte Schriftsteller die ihm fremd gebliebenen Konturen Michaels. Das macht das Buch so ehrlich und glaubhaft. Gleichzeitig braucht es langen Atem, um die nicht eben sonderlich spannenden Episoden aus All- und Sonntagen und mehr oder weniger verschlüsselten Prominentenkreisen eines Schriftstellers durchzuhalten. Sie liefern die Stichworte und Assoziationsbrücken hin zum Freund.
Dieser Versuch, die persönliche Bedeutung eines Freundes ins Allgemeingültige zu wenden, ist nicht recht geglückt. Verdichtung zum literarischen Text und Bemühen um biografische Wahrhaftigkeit kollidieren merklich miteinander. Epische Breite behält die Überhand und kehrt das Besondere ins Banale.
Christine Adam
in: Neue Osnabrücker Zeitung, 25.10.2007
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
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